September 2021. Bereits seit 1664 verkehrten Postschiffe zwischen Stralsund und Ystad, mit Zwischenstopp am Bug. Ernst Moritz Arndt, geboren auf Rügen, schwedischer Untertan und deutscher Patriot — ein Widerspruch, der ihn zeitlebens beschäftigte — fuhr diese Route im November 1803, wartete auf günstiges Wetter, wie man es damals musste, Tage vielleicht, Wochen möglicherweise, und hielt in seiner „Reise durch Schweden im Jahr 1804″ fest, was er sah. Heute erledigt der Skane Jet die Überfahrt in zweieinhalb Stunden. Die Ostsee ist dieselbe geblieben.
Was macht man als Einheimischer, wenn im September die Insel Rügen noch brechend voll ist? Genau. Man bucht ein Ticket, fährt nach Mukran, geht an Bord. Die Kreidefelsen bleiben achteraus. Die Luft gehört wieder sich selbst.
Ystad. Eine Stadt, die man zu kennen glaubt, auch wenn man noch nie dort war — wegen Henning Mankell, wegen Kommissar Wallander, wegen jener düsteren Geschichten, die unter der Oberfläche dieser Kleinstadtidylle das Böse freilegen. Das Wohnhaus in der Mariagatan 10, roter Backstein, schlicht. Man geht daran vorbei.
Im Zentrum steht die Sankta Maria kyrka, romanische Basilika, dreischiffig, die ältesten Teile aus dem 13. Jahrhundert. Das Kruzifix unter dem Triumphbogen stammt aus dem 16. Jahrhundert, das Haar der Christusfigur ist echtes Haupthaar — man steht davor und weiß nicht genau, was man fühlen soll. Die Kanzel aus Kalkstein, entstanden zwischen 1626 und 1631, zählt zu den aufwändigsten Steinmetzarbeiten des Barock in Skåne. Und jede Nacht, wenn die Stadt schläft, bläst der Turmwächter vom Kirchturm in alle vier Himmelsrichtungen — jede Viertelstunde, seit dem 17. Jahrhundert, eine Tradition, die Ystad als letzte Stadt in ganz Schweden bewahrt hat. Man hört es nicht, weil man tagsüber kommt. Aber man weiß es.
Östlich der Kirche: das alte Rathaus. Nördlich: das Franziskanerkloster, 1258 gegründet, eine der besterhaltenen mittelalterlichen Klosteranlagen in Schweden, heute Museum. Man setzt sich in den Rosengarten, legt ein Buch in den Schoß, hört nichts außer Wind und Vögeln. Wassergraben. Enten. Alter Friedhof, Grabsteine, Moos, die Namen längst verblasst. Fachwerkhäuser aus dem 17. Jahrhundert, eines schöner als das andere. Die Einkaufsstraße. Dann der Strand, leer, die Ostsee, dieselbe wie zu Hause, aber ohne den Lärm.
Die bunten schwedischen Badehäuser auf dem Weg zurück zur Fähre. Wer sehen möchte, wie schön es an der Ostsee sein kann, jenseits von Orten, die der Tourismus entstellt hat, möge einmal nach Südschweden fahren.









































































1 Comment
Manuela
4. April 2022 at 21:26Dankeschön.
Ich bin steht’s von Neuem begeistert, bezaubert.
Zu meinem großen Glück gibt es Dich, deine Blickwinkel und Dein Talent…
Sprachlos staunend freue ich mich , dass es das gibt.
Ich tauche ein und vergesse die Zeit und nähre mich…
Bilder wie ein gutes Konzert ! …
Viele Grüße
Manuela ( 50& aus Cuxhaven)