Der Frühling ist angekommen auf der Insel Rügen. Im Nationalpark Jasmund steht der Buchenwald endlich im satten Maigrün, zwei Wochen später als in den vorausgegangenen Jahren. Die Stubnitz leuchtet, als hätte jemand über Nacht Licht in die Kronen gegossen. Zwischen den Stämmen liegt noch Kühle, darunter die Ostsee, darüber ein Himmel aus rasch ziehenden Wolken.
Noch ist es ruhig am Königsstuhl und an der Victoria-Sicht. Die Kreidefelsen stehen hell über dem Wasser, der Wald drängt bis an die Kante, Wurzeln greifen in den Boden, wo der Boden längst nachgibt. Licht und Schatten liegen hart nebeneinander an dieser Küste, die vielleicht die schönste der Ostsee ist.
Aber die Ruhe täuscht. Corona treibt die Menschen ins Freie, an die Küsten, in die Wälder, an die bekannten Punkte. Und auch der WWF mit seinem Nationalpark-Zentrum Königsstuhl trägt Verantwortung dafür, dass sich der Besucherstrom hier bündelt. Wer Natur bewirbt, wer sie zugänglich macht, wer Aussicht, Erlebnis und Infrastruktur schafft, darf sich über die Folgen nicht wundern.
Die Spuren sind rund um den Königsstuhl deutlich zu sehen. Wege sind auf einmal doppelt so breit. Wurzeln liegen frei. Zäune mussten errichtet werden, weil im vergangenen Jahr Trampelpfade entstanden sind, die es vorher nicht gab. Der kleinste Nationalpark Deutschlands wirkt an manchen Stellen müdegetreten, noch bevor die Saison richtig begonnen hat.
Und doch: Für einen Moment gehört der Morgen noch dem Wald. Dem Maigrün, dem Wind in den Buchen, dem Blick über die Ostsee, den Kreidefelsen im wechselnden Licht. Ein schöner, verletzlicher Ort. Zu schön vielleicht für die Menge an Menschen, die ihn jetzt wieder aufsuchen wird.


























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