Im Sommer an der Kreideküste von Jasmund

Die Monate Mai und Juni boten im vergangenen Jahr oft Tage voller Seenebel. Seenebel, wie man ihn eigentlich nur noch aus den Erzählungen der Alten kennt, ein Weiß, das sich schwer über das Wasser legt und die Grenze zwischen Meer und Himmel für Stunden auflöst. Anfang Juni versprach ein neuer Morgen aber etwas Sonne und blauen Himmel. Ein Tag wie geschaffen für eine Wanderung entlang der Rügener Kreideküste. Das bedeutet wenig Schlaf und frühes Aufstehen. Belohnt wurde dies aber pünktlich zum Sonnenaufgang mit einer Fischotter-Begegnung unterhalb des Königsstuhls. Dieser hatte einen frischen Aal erbeutet und ließ ihn sich in der Nachbarschaft des sagenumwobenen Waschsteins munden, mit jener Seelenruhe, die nur Tieren eigen ist, die sich unbeobachtet wähnen. Was für ein herrlicher Anblick.

Ich bleibe reglos stehen, so lange, bis die Kälte des Steins durch die Schuhsohlen kriecht, denn jede Bewegung, und sei sie noch so klein, würde das Bild zerstören, ehe es sich vollständig eingeprägt hat. Generell hat man das Gefühl, dass die Schließung der Treppe am Königsstuhl der Natur guttut, ebenso lässt sich auch weniger Müll am Strand finden – als hätte die Küste, kaum dass man sie in Ruhe lässt, begonnen, sich selbst wieder in Ordnung zu bringen.