Alleinsein anstatt Einsamkeit. Leer liegen die Strände, so leer, wie sie nur in jenen Wochen liegen, da der Sommer noch nicht gekommen ist und der Winter sich schon zurückgezogen hat; höchstens dass ein Brandungsangler, irgendwo in der Ferne, unbeirrt seine Rute in den Wind hält. Leer auch der Horizont, an dem sich, in großen, gemächlichen Abständen, ein, zwei Containerfrachter entlangschieben, Richtung Kadetrinne, stumm und unbeteiligt. Die Sonne wärmt, zwölf, vierzehn Grad schon in diesen Tagen, und der Himmel, frei von jedem Kondensstreifen, spannt sich in einem reinen, tiefen Blau über mir, während unter mir der Sand liegt, unberührt, als hätte ihn seit dem letzten Sturm kein Fuß mehr betreten.
Noch ist Zeit, ehe die Sonne tiefer sinkt. Ich hole ein Buch aus dem Rucksack, Harry Martinsons „Reisen ohne Ziel“, erschienen im so vortrefflichen Guggolz Verlag – jener Schwede, der nach dem Ersten Weltkrieg selbst jahrelang zur See gefahren ist und der es verstand, von jener Fahrt zu erzählen, in einer Prosa, karg und genau und dennoch von einer stillen Größe. Und während ich lese, zieht eine Sehnsucht auf: nach dem Horizont, nach dem Stampfen der Maschinen, nach jenem beständigen, unaufhaltsamen Vorwärts, das ein Schiff hat und ein Menschenleben nicht. Wie gerne wäre ich jetzt selbst an Bord, dächte ich – und in eben diesem Moment zieht die Arkona am Horizont entlang, mit jener unverwechselbaren Silhouette, die man unter tausend anderen erkennen würde, und nimmt Kurs auf den Sonnenuntergang. Wie viele solcher Abende mag ihre Besatzung schon gesehen haben. Ob es wohl reicht, für ein ganzes Menschenleben.
Die Sonne verabschiedet sich. Kühle, klare Luft, aus Skandinavien herübergeweht, legt sich über den Strand und über die Insel. Glück, hier leben zu dürfen.
„Ein beginnender Tag ist göttlich, ein Sonnenuntergang menschlich.“
– Matthias Wegehaupt




















