Die Kreideküste im Herbst

Anfang Oktober. Die Sonne steht wieder später auf im Norden. Die Ostsee ist übersäht mit Wolken, die Katamarane rasen mit hoher Geschwindigkeit in Richtung der am Horizont blinkenden Windparks, über deren Sinn und Unsinn man so trefflich streiten kann. Ein paar Möwen ziehen ihre Kreise und ein Kormoran schwebt im Tiefflug über die Wasseroberfläche. Die kleine Gruppe „Fotoworkshop“-Menschen hält sich Gott sei Dank nur an einer Position auf, und so habe ich das Glück, an diesem Morgen gänzlich allein über die Feuersteine zu wandern und das warme Morgenlicht auf den Kreidefelsen bewundern zu dürfen. Welch zauberhafte Schönheit diese Küste immer wieder zu bieten hat, macht sprachlos und demütig.

Noch während die Sonne kaum über dem Horizont steht, verwandelt sich das Bild von Minute zu Minute: Das Wasser liegt in feinem Nebel, ein einzelner Stein in der Brandung fängt das erste Licht wie eine Flamme auf, und die Wellen ziehen lange Schleier um das Geröll am Ufer. Später, als die Sonne höher steigt, trägt die Kreide selbst ein Gelb, das ins Ockerfarbene kippt, während die Buchen darüber noch nicht ganz entschieden haben, ob sie dem Sommer treu bleiben oder dem Herbst nachgeben – Grün und Rostrot stehen dicht nebeneinander, ohne dass eines das andere verdrängt. Am Fuß der Wand liegt ein bleiches Wurzelwerk im Kies, von der See über die Jahre glattgeschliffen und weiß gebleicht wie Gebein, ein stiller Gegenpol zu den warmen Farben oben am Hang. Und irgendwo über allem löst sich eine Möwe aus dem Wolkenband, als hätte sie nur auf diesen Moment gewartet.