Insel Rügen / Mecklenburg-Vorpommern / Pommern

Swantow, Cibulka und das Winterende

Die Sonne steht hell über Swantow. Sie liegt auf dem Turm der St.-Stephanus-Kirche, auf den alten Steinen des Friedhofs, auf Flechten, Namen, Kreuzen und verwitterter Schrift. Sie liegt auf den Fenstern des alten Pfarrhauses und auf jenem Haus, in dem Hanns Cibulka an einem Buch schrieb, das den Namen dieses kleinen Dorfes weit über Rügen hinausgetragen hat: Swantow. Die Aufzeichnungen des Andreas Flemming. 1982 erschien dieses Ostseetagebuch. Ein stilles Buch, und doch keines ohne Schärfe. Zwischen Kirche, Dorfstraße, Friedhof und Boddenlandschaft kamen Fragen zur Sprache, die in der DDR nicht gern gehört wurden: die Verwundung der Natur, die Vergiftung von Luft und Wasser, die Müdigkeit einer Zeit, die sich selbst den Fortschritt verordnete. Was hätte Cibulka heute notiert?

Vielleicht zuerst den Himmel. Den Klang der Kampfflieger, den er in Swantow schon hörte. Damals die Maschinen einer anderen Ordnung, heute Eurofighter aus Laage über Rügen. Ein anderes Bündnis, andere Zeichen an den Tragflächen, aber wieder dieser Lärm über den Dörfern, über Kirche, Friedhof und Wiek. Wie ähnlich sich Zeiten manchmal werden, wenn man nur auf ihre Geräusche hört. Und dann vielleicht die neuen Kriege. Russland. Die Ukraine, die er als Soldat gesehen hatte. Die Häuser in Puddemin und Mellnitz, die immer zahlreicher werden und sich in die Landschaft schieben. Die Ferienquartiere, die Zufahrten, die glatten Fassaden, den stillen Verbrauch von Gegend.

Solche Fragen begleiten einen auf der Runde um die Üselitzer Wiek. Schilf steht im Wind. Wasser liegt auf den Wiesen. Wolken treiben über den hellen Himmel. Ein alter Hochsitz am Ufer, Bäume ohne Laub, Rohrkolben im Licht. Und dort, weiß zwischen Wasser, Bäumen und Acker, Gut Üselitz. Nach der Wende war es fast verloren, zerfallen, eine Ruine in der Landschaft. Heute steht es wieder. Auch das gehört zu dieser Gegend: Abbruch und Wiederkehr, Vernachlässigung und Rettung, Erinnerung und neuer Besitz. Auf dem Swantower Friedhof aber wachsen vielleicht noch immer die Schneeglöckchen, wenn viele dieser Fragen sich längst anders stellen. Die Steine werden dunkler, die Namen schwerer lesbar. Die Kirche steht im Licht. Das alte Pfarrhaus hält seinen Schatten. Die Sonne jedenfalls verkündet an diesem Tag mit aller Kraft das Ende des Winters. Und vielleicht, so bleibt die Hoffnung, gewinnen Einsicht, Vernunft und Frieden auch in Europa wieder die Oberhand.

„Das archaische Landschaftsbild ist auch auf Rügen im Verblassen.
Metallene Riesenvögel ziehen durch die Luft,
Kampfhubschrauber fliegen in Kirchturmhöhe über das Land,
vor der Küste liegen die Zerstörer.
Die inneren Spannungen, die eine solche Umwelt auslöst,
gehen an keinem Menschen spurlos vorbei,
sie übertragen sich auf sein Denken, Fühlen und Handeln.“

„Auch in Swantow gibt es keine archaischen Bilder mehr,
keine Schnitter, die heimkehren, die Sense geschultert.
Mähdrescher wühlen sich durch den Roggen,
bis tief in die Nacht hört man das Brummen der Maschinen, s
pielt das Licht ihrer Scheinwerfer über die Felder,
und erst wenn es feucht wird, wenn der Tau fällt, wird die Nacht wieder Nacht,
zieht das Schweigen in die Landschaft ein.“

Swantow (1982) – Hanns Cibulka

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