In Extremo

In Extremo in Ballenstedt / Rockharz Open Air

Ich muss gestehen, ich war noch nie auf dem Rockharz Open Air. Dabei ist mir der Name schon lange ein Begriff, und ich hörte bisher nur Gutes. Marcus von Heaven Shall Burn schwärmte von dem Festival, ebenso die Jungs und Mädels vom In Extremo Fanclub. Wie gut also, dass In Extremo dieses Jahr die Headliner-Position am Mittwochabend bekleideten.
Los ging die Fahrt wie gewohnt am Abend zuvor in der Storkower Straße. Gefühlt wird es dort von Jahr zu Jahr unfriedlicher. Umso schöner dann der Kontrast am nächsten Morgen beim Aussteigen aus dem Nightliner. Unterhalb der Teufelsmauer — zwanzig Kilometer Sandsteinrippe, seit 1852 unter Schutz gestellt, weil man sie sonst einfach weggebrochen hätte — reichte der Blick bis Quedlinburg und bis zum Brocken. Da die Band noch schlief und die Pyro-Crew schon fleißig an der Arbeit war und das Konzert erst um Mitternacht starten sollte, begab ich mich auf eine kleine Wanderung hinauf zum Großen Gegenstein und von dort weiter zum Kleinen Gegenstein. Der Blick über das Harzvorland ist von hier wirklich beeindruckend. Das Gelände um die Teufelsmauer ist alte Kulturlandschaft. Obstbäume und die Beweidung mit Schafen prägten lange diesen Höhenzug.
Hinter dem Kleinen Gegenstein verlief der Wanderweg entlang der Felder, es wurde ruhiger, die in Schwarz gekleideten Festivalbesucher blieben zurück. Nur der Wind zog durch die Bäume, und das Rascheln der Blätter klang ein wenig wie das Rauschen der Meeresbrandung. Diese Tage mit etwas Wind, nicht ganz so heißen Temperaturen, mitten im Sommer, haben ihre ganz eigene Melancholie. Die Tage werden zwar langsam kürzer, aber der Herbst ist noch weit.
Weiter führte der Weg, vorbei an abgestorbenen Bäumen, teilweise Blitzopfer heißer Sommertage. Zur Linken zog sich ein langer, rostiger, löchriger Zaun. Alte Eisenbahnschwellen dienten hier als Zaunpfähle. Wer weiß, wo sie mal lagen und welche Züge über sie hinwegrollten und was für Menschen in ihnen saßen. Fragen ohne Antworten aus der Vergangenheit.
Über ein frisch gemähtes Stoppelfeld ging es dann zur Roseburg — oder vielmehr zu ihrer 1.600 Meter langen Umfassungsmauer. Der Berliner Architekt Bernhard Sehring, bekannt durch das Theater des Westens, hatte diesen Alterssitz ursprünglich in der Nähe von Stettin geplant. Ein anhaltischer Prinz wies ihn auf das Gelände bei Ballenstedt hin. Zufälle. Da die Burg an diesem Mittwoch geschlossen war, blieb nur der Blick auf das Rosencafé, die Türme, den Vorplatz. Beim Betreten der kleinen Treppe stach ein heimischer Geruch nach Nadelwald in die Nase — so typisch für Pommern, dass man kurz vergaß, wo man stand.
Entlang des Fürstenweges dann Richtung Ballenstedt. Erst ein Stück durch den Wald, entlang der alten Eisenbahnstrecke, dann durch eine wunderschöne Allee. Eine ältere Dame auf dem Fahrrad rief mir fröhlich zu: „Die Allee ist immer ein Foto wert.“ Sie lächelte und war im Nu verschwunden. Am Ende der Allee stand ich vor Schloss Ballenstedt — barocke Dreiflügelanlage auf mittelalterlichen Fundamenten, einst Residenz der Askanier, nach 1945 sowjetisches Militärlazarett, dann Ingenieurschule, heute Kulturzentrum. Teiche, Enten, Schwäne, Rosen, unterschiedlichste Baumarten, herrliche Ruhe. Wer das Schloss umrundet, ist für einen Moment sprachlos: die alten Gemäuer, das Theater, das Museum, die Kastanienallee, die die Stadt durchzieht. Stadtplanung, die Herz und Seele erfreut. Die Straßen gesäumt von Fachwerkbauten, Holzhäusern, Stadtvillen. Momente, in denen man es bereut, nicht mehr über Architektur zu wissen.
Begleitet von einem Rotmilan ging es dann langsam wieder Richtung Rockharz-Gelände. Noch ein längeres, freundliches Gespräch mit zwei Damen aus der Region, die jedes Mal erstaunt sind über Größe und Logistik so eines Festivals — und sich zugleich freuen, dass es so viele fremde Besucher und Künstler in diese Gegend verschlägt. Mitteldeutschland. Altes Kernland. Es lohnt sich, hier genauer hinzuschauen.


Das Rockharz selbst: eine tolle Organisation, kurze Wege, überaus freundliche Security. Man hat das Gefühl, als kennten sich alle Verantwortlichen hier schon seit vielen Jahren — und das stimmt vermutlich auch. Alle Konzerte finden auf der Hauptbühne statt, es gibt also keine langen Wege zwischen den Bands, keinen Rummel, den andere Festivals für unverzichtbar halten. Newcomer und Undergroundgrößen spielen auf derselben Bühne wie die Headliner, und das Publikum feiert Agnostic Front genauso ab wie Tarja. Mehr muss man wohl nicht sagen.
Bei In Extremo war der Platz vor der Bühne gerammelt voll. Crowdsurfer hatten ihren Spaß, die Band war bestens aufgelegt. Aber nach einer Stunde war auch schon wieder alles vorbei. Die Nacht kühlte sich nach den vielen Flammen wieder ab, und Tourmanager Dirk rief zur Abfahrt Richtung Schweiz.

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