Rügens Kreideküste im Frühling

Immer wenn das Grün der Buchen Anfang Mai noch ganz frisch ist und die Sonne am wolkenfreien Horizont über der Ostsee emporsteigt, starte ich zu einer meiner liebsten Wanderungen entlang der Rügener Kreideküste im Nationalpark Jasmund. Ein Küstenstreifen, wie man ihn im ganzen Ostseeraum kein zweites Mal findet. Wenn man dann hundert Meter über dem Meer steht und dieses riesige, funkelnde Etwas beobachtet, kann man nur ins Schwärmen geraten.

Der Weg führt in stetigem Auf und Ab durch den Buchenwald, dessen Kronen das Licht in tausend beweglichen Flecken auf den Boden werfen, während unten, kaum sichtbar durch die Stämme, das Weiß der Kreide immer wieder aufblitzt wie ein Versprechen, das der Pfad erst nach der nächsten Kuppe einlöst. An den Stellen, wo der Wald zurückweicht und der Abgrund sich öffnet, hält man unwillkürlich inne, denn was sich dort unten auftut, ist keine Aussicht mehr, sondern ein Sturz ins Licht: das Meer in einem Blau, das an diesem frühen Morgen noch fast mit dem Himmel verschmilzt. Man geht weiter, langsamer als sonst, als könnte zu große Eile diesem Anblick etwas von seiner Kraft nehmen.