Insel Rügen / Mecklenburg-Vorpommern

Herbst auf Rügen: Kreideküste, Boldevitz und Landow

Blick von der Kreideküste im Nationalpark Jasmund auf die Ostsee unter dunklen Herbstwolken.

Am Morgen trete ich in den Wald an der Kreideküste. Der Boden ist feucht. Die Luft kühl zwischen den Stämmen. Der Wald ist nicht mehr der Wald des Sommers. Auch nicht mehr der vom Mai, als alles hell war, weich, grün, und die Buchen dieses junge Licht trugen. Jetzt ist etwas aus ihm gewichen. Die Wärme bleibt nicht mehr von selbst. Sie muss erst kommen.

Keine Menschenseele ist unterwegs. Keine Stimmen auf dem Weg. Keine Schritte hinter mir. Nur das eigene Gehen, Laub unter den Schuhen, manchmal ein Ast, der nachgibt. Unterhalb der Kante liegt die Ostsee. Zwischen den Bäumen bleibt der Morgen flach und kalt. Erst als die Sonne aufgeht, wird es an den offenen Stellen wärmer: auf einem Blatt, auf einem Stamm, auf einer hellen Stelle im Weg.
Die Ostsee liegt unter dunklen Wolken. Am Horizont öffnen sich schmale Risse, aus denen das erste Licht tritt. Unten der Strand, Steine, Tang, Geröll. Oben die Buchen, an manchen Rändern schon gelb. Das Weiß der Kreide wirkt im Herbst härter als im Sommer. Es tritt hervor, weil das Grün nicht mehr alles verdeckt.

An den ehemaligen Wissower Klinken steht man vor Resten. Nicht mehr vor jener Form, die auf alten Bildern weiterlebt. Abbruch, Licht, Wald, Kreide, Meer. Was heute noch Kante ist, kann morgen unten liegen, zwischen Steinen und Wasser.
Draußen zieht langsam ein Segelboot vorbei. Klein unter dem Himmel, fast nur ein dunkler Strich auf der helleren Wasserfläche. Es eilt nicht. Eine Weile gehört es in jedes Bild. Dann verliert es sich.

Später führt der Weg weg von der Küste, hinein ins Muttland.

Boldevitz zuerst. Der Teich in der Gutsanlage liegt ruhig zwischen Bäumen, die sich im Wasser spiegeln. Das Gutshaus steht nicht versteckt; vor ihm ist offene Wiese. Erst aus der Entfernung, vom Park her und durch das Teleobjektiv gesehen, rücken Schilf, Laub und Schatten vor die Fassade. Sie rahmen sie ein. So entsteht im Bild eine Dichte, die vor Ort gar nicht so eindeutig vorhanden ist. Park, Wasser, Wiese, Haus: getrennte Dinge, im Sucher zusammengeschoben. Die Allee hält die Landschaft zusammen. Man sieht noch, wie hier einmal Wege, Gutspark, Teiche, Haus und Wirtschaftsland aufeinander bezogen waren. Nicht mehr vollständig. Aber lesbar.

Dann Landow, an einem stillen Sonntagnachmittag Anfang Oktober. Ein anderer Tag, anderes Licht. Der Sommer ist vorbei, doch der Herbst hat noch nicht alles übernommen. Landow liegt dort auf Rügen, wo die Insel nicht zuerst nach Kreide, Hafen und Meer aussieht. Mehr nach Feldern. Alleen. Backstein. Gutshäusern. Dörfern mit viel Himmel darüber.

Die Kirche in Landow braucht keine Ausschmückung. Der Vorgängerbau stammt aus der Zeit um 1312; in ihren Mauern stecken Reste, die zu den ältesten Fachwerkkirchenresten Norddeutschlands zählen. Zur Wendezeit war von solcher Würde wenig Glanz geblieben. 1982 galt das Gebäude als einsturzgefährdet, die barocke Ausstattung war ausgelagert, die Kirche aus der Kreisdenkmalliste gestrichen. Heute steht sie wieder da, als Kultur- und Wegekirche. Backstein, Feldstein, Fachwerk. Und die Spur einer Rettung, die spät kam.

Um die Kirche liegt der Friedhof. Keine glatte Anlage. Efeu, Farn, gesunkene Grabplatten, alte Kreuze, verwitterte Inschriften. Manche Namen lassen sich noch lesen, andere sind fast aus dem Stein verschwunden. Ein Herbstblatt liegt auf einem Grab. Auf anderen Platten sammeln sich Laub, Erde, Schatten. Die Sonne fällt tief durch die Bäume. Sie streift die Steine, macht sie kurz hell, dann sinken sie wieder zurück ins Grün.
Am Friedhof ein kurzes Gespräch mit einem zugezogenen Westdeutschen. Er kennt die Stille von Landow und schätzt sie. Er war auch an der Gestaltung des Friedwaldes, des Parks in Pansevitz beteiligt. Und doch sagt er es so, dass man merkt: Ganz auf Rügen verortet hat er sich nie. Niedersachsen blieb. Nicht bloß Herkunft. Eher ein zweiter Boden, der nicht verschwindet, nur weil man anderswo lebt.
Ich gehe weiter über den Friedhof. Die alten Gräber stehen nicht ordentlich in der Zeit. Sie lehnen, sinken, verschwinden halb unter Blättern. Inschriften brechen ab. Kreuze tragen Moos. Eine Grabplatte liegt schwer im Gras, als habe sie sich dem Boden schon wieder zugewandt.

Über den Feldern hört man die letzten Kraniche. Nicht nah. Nicht viele. Ein Ruf aus der Höhe, schon im Weggehen. Danach wieder Stille. In Landow ist diese Stille nicht leer. Sie liegt auf der Dorfstraße, an den Gärten, an den alten Häusern, am Rand der Felder. Sie sammelt sich um die Kirche und den Friedhof. Man muss nicht lange dort sein, um sie zu bemerken.
Am Beginn der Allee nach Unrow steht die Sonne tief. Sie hängt in Gräsern und Blättern, legt einen goldenen Rand um Beeren, Zweige, trockene Pflanzen. Das Licht ist nicht mehr breit wie im Sommer. Es kommt von der Seite. Bleibt an Einzelheiten hängen: an einem Blatt, an einem Halm, an einer dunklen Silhouette vor hellem Gelb.

Der Herbst beginnt nicht mit rotem Laub. Er beginnt mit anderer Luft. Mit Kühle im Wald. Mit Licht, das später kommt und früher wieder geht. Mit Kranichen über den Feldern. Mit einem Blatt auf einem Grabstein. Mit einer Sonne, die die Dinge nicht ausleuchtet, sondern streift. Dort entstehen die Bilder. An den Rändern. Kurz bevor etwas verschwindet.

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