Der dritte Februar, ein Dienstag. Rügen im Eiswinter. Am Vortag war draußen auf See vor dem Königsstuhl ein ganzer Teppich treibender Eisschollen gesichtet worden. Noch vor Sonnenaufgang mache ich mich auf den Weg zur Viktoriasicht. Der Wald steht still. Keine Wanderer, keine Urlauber, kein Knirschen auf dem gefrorenen Boden – nur die schwarzen Buchenstämme und der langsam heller werdende Himmel dahinter. Diese Stunde gehört niemandem. Dann öffnet sich die See. Am Horizont ein einziger schmaler Streifen, orange, fast kupfrig, die Sonne noch unter den Wolken. Sonst nichts. Aber unten ist das Eis nicht fest. Es hat sich über die Ostsee gelegt wie eine Haut, rosig-lavendeln im frühen Licht, und darunter laufen noch die Wellen – man sieht es, dieses langsame Heben und Senken unter der dünnen Decke. Slush aus Frost und Salzwasser, stumpf glänzend, träge sich schiebend. Die Kälte hat die See nicht stillgelegt. Die Kreidefelsen fangen das Licht früher als alles andere. Ihr Weiß ist in diesem Moment keines – es ist Ocker, Rostgelb, an den Kanten fast warm, das Buschwerk darunter dunkelbraun und kahl. Gegen das lavendelfarbene Eis stehen die Felsen unbewegt.
Am Nachmittag treffe ich in Groß Zicker Frank Westphal. Er ist Schäfer hier, kennt diese Hügel in jeder Jahreszeit. Wir gehen hinaus auf die Zickerschen Berge. Der Bodden ist zugefroren, eine einzige stille Fläche bis zum Horizont. Drüben der flache Strich der Insel Ruden, dahinter Usedom. Der Kiefernwald zwischen Middelhagen und Thiessow steht dunkel davor. Zur Insel Oie hin dasselbe: kein Wasser, nur Eis. Westphal erzählt von früheren Wintern. Von Eis das trug, von Hängen auf denen sie als Kinder gerodelt sind, von Strecken auf dem Bodden die heute kaum noch jemand kennt. Die Landschaft und ich hören zu. Am Kliff bei Alt Reddevitz bricht das Eis in Schollen, blau und weiß durcheinandergeworfen. Unten am Strand bei Groß Zicker liegen die Brocken übereinander, kantig, schwer, das Licht fällt flach darüber. Bei Klein Zicker dasselbe – das Kliff, das Eis, dazwischen nichts.
Abends gehe ich allein auf die Sassnitzer Mole. Langsam, weil alles vereist ist. Der Mond ist fast voll, der Himmel sternenklar. Es gibt Schatten – scharfe, blaue Schatten auf dem Eis. Das Molenfeuer dreht sich. Den Turm darunter erkennt man kaum noch: Die Kälte hat ihn in langen weißen Fahnen überzogen, wulstig und schwer, von unten nach oben. Die Findlinge an der Mole, die Wellenbrecher, sind zu formlosen Klumpen geworden. Und die Ostsee liegt still. Kein Heben, kein Senken. Das Eis reicht bis zum Horizont, blau im Mondlicht, und macht keinen Laut. Am Morgen hatte die See noch geatmet. Jetzt liegt sie still da.

















Keine Kommentare