Mecklenburg-Vorpommern / Pommern

Alt Plestlin. Ein Abend an der Peene.

Überwucherte Ruinen des ehemaligen Stallkomplexes im warmen Abendlicht

Man fährt die Straße von Loitz südostwärts, sieben Kilometer, und dann ist man irgendwo, wo niemand durchfährt. Das Dorf Alt Plestlin liegt am Rand des Peenetals, als hätte die Geschichte es dort abgestellt und vergessen, es wieder abzuholen. Die Kirche steht zwischen Kastanienbäumen, Feldstein, der Fachwerkturm weiß gekalkt, der Schieferspitzhelm dunkel gegen den Abendhimmel. Innen niedrige Deckenbalken, dunkles Holz, Ziegelsteinboden, ein aufgeschlagenes Buch auf dem Tisch vor dem Altar, als hätte jemand eben noch darin gelesen und wäre gegangen. Zwei Rundbogenfenster, Grünzeug dahinter, das Licht von draußen fällt weiß herein. Man setzt sich nicht. Man schaut kurz. Dann geht man wieder.

Gegenüber der Kirche eine kleine Bücherstube, ein Holzhäuschen, Nehmen, Bringen, Tauschen. Keine toten Insekten zwischen den Seiten, kein Staub auf den Regalen. Hier kümmert sich jemand. Das fällt auf, weil es anderswo nicht selbstverständlich ist.

Neben der Kirche das Gutsgelände des Herrenhauses Alt Plestlin, wenige Schritte von der Peene entfernt. Was vom alten Stallkomplex übrig ist, steht noch — Feldsteinmauern, Rundbogenfenster mit Ziegelgewänden, der Schornstein aus Backstein, unvermindert aufrecht, während die Mauern ringsum langsam in die Knie gehen. Abends, wenn das Licht flach aus dem Westen kommt und die Mücken in Schwärmen gegen die Sonne stehen, leuchtet der Stein orange, fast warm, fast als wäre noch Leben darin. Es ist keins. Die Bäume wachsen durch das Dach. Ein Fenster daneben, Putz der abblättert, Spinnennetze hinter dem Glas, ein verrostetes grünes Rohr quer über die Fassade. Das Schild darunter: Dienstabteil. Man weiß nicht, wessen.

Das Herrenhaus dahinter, um 1850 auf älteren Fundamenten gebaut, spätklassizistisch, drei Stockwerke, die Fassade in jenem blassen Beige, das keiner gewählt hat und das trotzdem bleibt. Die DDR hat ihm den Stuck genommen, die Pilaster, den Altan. Was blieb: die Proportionen, die großen Fenster, und am Eingang ein messinggelber Türknauf an dunklem Holz, rund, schwer, blank gegriffen von Händen, die man nicht kennt. Dahinter eine breite Holztreppe, zwölf Stufen, das Holz dunkel und ausgetreten, oben eine weiße Doppeltür. Zwei Stühle stehen daneben aber niemand sitzt darauf.

Im Park, westlich des Hauses, etwa fünfzig Meter, liegt ein Findling im Grünen. Davor ein Tontopf mit roten Geranien. Auf der Granitplatte steht: Hanko. Ein Pferd. Ein brauner Wallach, im Ersten Weltkrieg einem französischen Leutnant abgenommen, danach als Zugpferd eingesetzt, bis Carl Friedrich von Langen ihn kaufte und in Parow ausbildete. Von Langen war 1915 in den Karpaten mit seinem Pferd in einen Gebirgsbach gestürzt, vier Jahre gelähmt, Rollstuhl, Krücken. Er wollte wieder reiten. Er ritt wieder. Am 11. August 1928 gewann er in Amsterdam die erste olympische Goldmedaille, die je aus dieser Ecke Deutschlands kam — Einzeldressur, Mannschaft, zweimal Gold, deutlicher als alle Vorgänger seit 1912. „Hanko siegt für Deutschland“ war ein geflügeltes Wort der Zwanziger. Man rief den Reiter mit dem Namen seines Pferdes.
Am 25. Juli 1934, seinem 47. Geburtstag, stürzte von Langen bei einem Military in Döberitz, zertrümmertes Becken, über eine Stunde im märkischen Sand. Am 3. August war er tot. Hanko sollte erschossen werden, neben seinem Herrn begraben. Ein Dorfpastor aus dem nahen Bibow verhinderte es. Das Pferd kam nach Alt Plestlin. Der Tontopf mit den Geranien stand bei meinem letzten Besuch frisch bepflanzt da. Irgendjemand kommt also noch.

Vom Park geht man hinunter zur Peene. Das Wasser ist dunkel, die Wolken spiegeln sich darin, die Bäume stehen doppelt. Seerosen an den Rändern, Schilf. Am Steg liegt öfters ein Hausboot, meistens kein Luxus, Leute sitzen auf dem Deck, Campingstühle, Grill, nichts Eiliges. Kajaks kommen und gehen. Ruhig bleibt es trotzdem. Das Wasser der Peene fließt langsam. Man kann hier gut schwimmen. Ich tat es mehrfach. Der Sänger einer bekannten deutschen Punkband tut dies hier auch öfters. Irgendwo in der Einflugschneise eines pommerschen Abends.

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