Mecklenburg-Vorpommern

Kölzow bei Bad Sülze – Kirche, Herrenhaus und Deutschlands ältester Apfelbaum

Herrenhaus Kölzow mit Spiegelung im Parkteich

Anfang Mai. Wechselhaftes Wetter. Hagel, Regen, Windböen. Auf dem Parkplatz vor der Kirche hochgewachsene Bäume, Warnung vor Astbruch. Die Trockenheit der letzten Jahre sei Ursache. Die Kirche von Kölzow gehört zu den frühen Feldsteinkirchen Mecklenburgs. Ihr ältester Teil, der Chor, wird um die Mitte des 13. Jahrhunderts datiert.
Auf dem Friedhof finden sich noch alte Gräber. Alte mecklenburgische Namen, der Kaufmann Lübs, von Prollius und Melms, Hellmut von Prollius, Klosterhauptmann in Dobbertin, unbekannte Soldaten des Zweiten Weltkriegs. Dazwischen Namen, die nach Schlesien oder Hinterpommern weisen — Spuren von Herkunft, Flucht, Besitz, Verlust.

Auf diesem Friedhof liegt Kölzow nicht nur als Dorfgeschichte vor einem, sondern als Geflecht. Gut und Kirche, Adel und Kaufmannschaft, Krieg und Nachkrieg, Mecklenburg und die verlorenen Landschaften im Osten berühren sich hier in wenigen Reihen aus Stein. Sie zeigen, wie verflochten in Mitteleuropa alles ist.
Hinter dem Friedhof liegen die Reste des ehemaligen Kombinates für Landtechnik. Ein Ort, an dem früher gearbeitet wurde. Geschweißt, geschraubt, repariert. Maschinen kamen hierher, die Leute gingen durch die Hallen, sogar ein Pförtnerhäuschen gab es.

Heute ist davon nicht mehr viel übrig. Mauern, Beton, offene Fenster, überwucherte Wege. Gras und Gestrüpp holen sich das Gelände zurück. Wo einmal Lärm war, Metall, Ölgeruch und Alltag, steht nun alles still. Auch das ist Kölzow: nicht nur Kirche, Gut und alte Gräber, sondern die kurze, harte Moderne des Dorfes — und ihr Verschwinden.

Während hinter dem Friedhof die Reste der DDR-Arbeitswelt zerfallen, ist an anderer Stelle längst eine andere Moderne ins Dorf gezogen. Alte Bauernhäuser aus Ziegelstein, die einmal schlicht und selbstverständlich dastanden, tragen nun grelle Farben, Dämmplatten, neue Fenster, glatte Fassaden. Was nach Erneuerung aussieht, hat manchen Häusern die Herkunft genommen. Man kennt das aus fast jedem Dorf im Osten nach der Wende: erst der Verfall, dann die Sanierung, und fast immer geht gerade dabei verloren, woran man ein Haus erkannt hat.

Im Kontrast dazu steht das alte Herrenhaus. Der eigentliche Kern Kölzows. Viel von der früheren Gutsanlage ist verschwunden, aber ihr Herz steht noch. Frisch saniert, hell, wieder bewohnt, wieder im Besitz der Familie von der Lühe, deren Geschichte mit Kölzow weiter zurückreicht als fast alles, was heute im Dorf zu sehen ist.
Gegen Ende des 12. Jahrhunderts kamen ihre Vorfahren, so erzählt es die Familiengeschichte, aus dem Westen nach Mecklenburg. Sie sollten Siedler anwerben, Land ordnen, einen Ort aufbauen. Kölzow wurde einer ihrer ersten Plätze. Im sumpfigen Gelände des Parks entstand eine frühe Befestigung, ein Ringgraben mit Wehrturm. Später lag dort auch das erste Gutshaus, noch nahe am Wasser, nahe am alten Schutz. Erst danach rückte der Sitz ein Stück weiter auf trockeneres Gelände.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts blieb das Gut bei der Familie von der Lühe. Dann wechselten die Besitzer. Unter der Familie von Prollius entstand im 19. Jahrhundert das heutige Herrenhaus. Im Giebel der Frauenkopf, der an die Ahnfrau erinnern soll.


1925 kaufte Prinz Friedrich Sigismund von Preußen Haus und Gut als Sommerresidenz. Auch das ist eine merkwürdige Spur in Kölzow: ein preußischer Prinz, Soldat, Flieger, Turnierreiter, einer, der in der großen Welt unterwegs war, findet seinen Weg in dieses stille Ostmecklenburg. Die Reiterei war sein eigentliches Leben nach dem Krieg. 1924 galt er als einer der besten deutschen Turnierreiter, 1928 sollte er bei Olympia starten. Doch 1927 stürzte er in Luzern mit dem Trakehner Posidonius tödlich. Kölzow blieb danach bis 1945 im Besitz seiner Familie.

Danach kamen Flüchtlinge ins Haus, später Konsum, Kindergarten, Gemeindesaal. Wieder eine andere Zeit, eine andere Nutzung, ein anderes Dorf.

Nach der Wende kehrte die Familie von der Lühe zurück. Haus und Park wurden übernommen, saniert, neu genutzt. Seitdem steht das Herrenhaus nicht mehr als Ruine im Park, sondern als geretteter Rest einer alten Ordnung. Kein Museum. Eher ein Haus, das noch einmal davongekommen ist.

Vom Herrenhaus aus ist es nicht weit bis in die offene Landschaft. Anfang Mai liegt der Raps gelb in den Feldern, darüber ein Himmel, der ständig wechselt. Blau, weiße Wolken, dann wieder dunkle Wände, als käme der nächste Schauer schon über den Wald. Die Alleen ziehen sich gerade durch das Land, junge Blätter, frisches Grün, daneben frisch gezogene Furchen im Acker. Mecklenburg im Mai: hell und schwer zugleich.

Nicht weit von Kölzow der alte Wildapfelbaum. Er steht nicht mehr, wie man es von einem Denkmal erwarten würde. Er liegt flach am Boden, der Stamm aufgerissen, das Holz grau und schwer von Jahren. Und doch lebt er. Zwischen dem alten Holz treiben Zweige aus, im Mai blüht er noch einmal, als ginge ihn sein Alter nichts an.

Vierhundert, vielleicht fünfhundert Jahre soll dieser Baum alt sein. Deutschlands ältester Apfelbaum. Wenn das stimmt, stand er hier schon, als der Dreißigjährige Krieg Mecklenburg verwüstete. Er sah Gutsbesitzer und ihre Arbeiter kommen und gehen, Familien, Pferde, Fuhrwerke, später die ersten Maschinen auf den Feldern. Er stand hier, als Napoleon durch Europa zog, als es noch einen Kaiser gab, als Hitler kam und wieder verschwand. Irgendwann fuhren Traktoren über die Äcker, Straßen und Wege wurden asphaltiert, Gutsbesitzer verschwanden, LPGs kamen.

Der Baum blieb. Nicht unversehrt nach all den Jahren. Der Orkan Kyrill setzte ihm schwer zu, aber immer noch ein Stück lebendes Holz, halb Vergangenheit, halb Gegenwart. Neben ihm blüht der Raps, über ihm zieht der Wind durch die jungen Blätter, und aus dem alten Stamm kommt noch immer neues Grün.

Er ist kein Denkmal im feierlichen Sinn. Eher ein Überrest, den man fast übersehen könnte. Aber gerade deshalb passt er zu diesem Tag. Nach den Geschichten von Kirche, Gut und Dorf ist dieser Baum noch einmal eine andere Art von Geschichte. Weniger laut, aber älter als vielleicht vieles, was der Mensch hier erbaut hat.



Keine Kommentare

    Hinterlasse einen Kommentar