Frühling auf der Insel Rügen. Alles ein klein wenig später als auf dem Festland, als wäre die Insel noch nicht ganz bereit, den Winter ziehen zu lassen. Die Kirschen blühen. Die Wildbirnen. Der Schlehdorn. Weiß überall, als hätte jemand in der Nacht Schnee gesät, der nicht schmilzt. Eine Stockente zieht ihre Bahn vor dem goldenen Schilf, gleichmäßig, ohne Eile. Im Buchenwald des Waldparks Semper: Teppiche aus Anemonen über dem Wurzelwerk, und über allem das erste neongrüne Leuchten der Blätter, das es nur in diesen wenigen Wochen gibt, bevor der Sommer die Farben schwerer und dunkler macht. Am Teich liegt der moosbedeckte Hang im schrägen Licht. Die Buchen spiegeln sich im Wasser — eine zweite Welt unter der unseren, ebenso wirklich, ebenso zerbrechlich. Man schaut hinein und weiß nicht mehr genau, wo oben ist. Irgendwo in dieser Stille hat die Insel ihren eigenen Rhythmus, den sie sich von niemandem nehmen lässt.
Abends die Schwäne auf dem Bodden bei Semper. Sie umkreisen einander langsam im goldenen Licht, das nicht von langer Dauer ist. Man schaut hin und weiß, dass man sich diesen Moment merken will. Und weiß zugleich, dass man es vergessen wird.
Gänse im Abendflug über den Feldern. Gewitterwolken, die sich auftürmen und nichts entscheiden. Der Raps steht in Hülle und Fülle — gelb, wie nur die Industrie es schafft, rücksichtslos und schön zugleich, ein Gelb, das kein Blau und kein Rot mehr kennt. Dazwischen die Paltrockwindmühle von Sagard, halb versunken im Gelb, halb vergessen. 1850 als Bockwindmühle erbaut, später zur Paltrockmühle umgebaut, 1958 stillgelegt. 1969 erwarb die Familie Bonitz das verfallene Bauwerk — den letzten Vertreter dieses Mühlentyps in Mecklenburg-Vorpommern. Herbert Riedel, Mühlenchronist, fotografierte den flügellosen Torso 1976 und schickte die Aufnahme als Ansichtskarte am 27. Juni 1983 an Bernd Maywald, der sich darum bemühte, Wind- und Wassermühlen als technische Denkmale zu etablieren. Zwei Männer, die Dinge aufschrieben, damit sie nicht verschwinden. Die Mühle steht noch.
Weiter unten im Gras: Schlüsselblumen. Die Schafe stehen noch vor dem Stall in Groß Zicker. Pommernschafe, schwarz und grau, eine alte Rasse, die hier ihren Platz behauptet hat, als anderswo schon längst rationalisiert wurde. Der Magerrasen auf den Hügeln gibt noch nicht viel her. Sie warten. Auch das Warten gehört zum Frühling. Vom Hang aus sieht man weit — über den Bodden, nach Thiessow, bis der Dunst alles weich werden lässt.
Dann das Mönchgut. Ein Schiff der Weißen Flotte zieht über den Bodden, nach Gager, weiter nach Sellin. Daneben ein blühender Baum, der niemanden interessiert außer dem, der gerade hinschaut. Über dem Greifswalder Bodden bricht die Sonne durch die Wolken, das Licht fällt schräg aufs Wasser. Und dann, an einem anderen Tag: die Insel Vilm im Dunst. Nur ein Schatten am Horizont. Man muss wissen, dass sie da ist. Maiglöckchen. Schlehdorn in der Abendsonne. Zwei Rehe auf dem Hang, mitten in den Schlüsselblumen. Sie schrecken. Frech, laut, unbeeindruckt. Der Frühling gehört ihnen.
Der Frühling auf der Insel Rügen hat viele Gesichter. Man müsste mehr Zeit haben. Man müsste öfter stillhalten.











































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