Mecklenburg-Vorpommern / Pommern

Grimmen, Altstadt und Rathaus an einem Maitag

Mühlentor in Grimmen mit spätgotischem Backsteinturm an der historischen Stadtzufahrt unter blauem Frühlingshimmel

Die Poggendorfer Trebel fließt vor dem Mühlentor. Ein kleines, fast stilles Gewässer, das seinen Namen kaum verdient zu haben scheint — und doch war es dieser Fluss, der Grimmen seinen Platz in der Landschaft zuwies. Eine günstige Überquerungsstelle, kaum mehr als das, und daraus entstand eine Stadt. Um 1275 stand bereits die erste Marienkirche, der Bau ging weiter bis ins 15. Jahrhundert. Das Mühlentor selbst, frühgotischer Backstein auf Feldsteinsockel, um 1325 errichtet, 24,8 Meter hoch. Drei der mittelalterlichen Stadttore haben die Jahrhunderte überdauert. Andernorts ließ man sie abreißen, als die Städte im 19. Jahrhundert über ihre alten Grenzen hinauswuchsen. In Grimmen nicht.
Es ist ein sonniger Maitag, weiße Schäfchenwolken, das Licht hart und klar. Vom Mühlentor, wo heute das Heimatmuseum untergebracht ist, geht es die Schulstraße hinauf zur Marienkirche. Die Tür ist an diesem Tag verschlossen. Aber das Licht fällt schräg durch die Bäume davor, wirft Schattenmuster auf den Backstein — aber das ist kein schlechter Tausch. Die dreischiffige Hallenkirche, mit ihren Kreuzrippengewölben, ihren spätmittelalterlichen Wandmalereien, die man erst 1976 bei einer Innensanierung wiederentdeckt hat — sie bleibt an diesem Tag verborgen.
Gegenüber, in der Schulstraße 6, stand die Kirchenbude — ein schlichter eingeschossiger Fachwerkbau, 1819 von der Kirche errichtet, auf einem Grundstück, das Herzog Philipp I. bereits 1546 bebauen ließ.

Preisgünstiger Wohnraum für Bedürftige, sechs Stuben im Erdgeschoss, eine Gemeinschaftsküche, vier Kamine. Im Mai 2023 stand sie noch. Im Juni 2024 wurde sie abgerissen, nach jahrzehntelangem Verfall, ohne dass etwas als erhaltenswert eingestuft worden wäre. Man hat ihr die Denkmaleigenschaft entzogen, bevor man sie abriss. Das ist eine bestimmte Art, mit Dingen umzugehen.

Weiter nördlich, das Stralsunder Tor. Um 1320 errichtet, sechs Geschosse, Staffelgiebel mit Blendenverzierung aus dem 15. Jahrhundert. Es sicherte die Straße nach Stralsund — den alten Hanseweg. Als Wehrtor, dann als Wohnung des Gerichtsknechtes, dann als Gefängnis bis 1850. Davor, in der Stralsunder Straße, ein alter Speicher. Und an seiner Wand, in großen Buchstaben gesprüht: Impfgegner in den Knast. Man steht davor und denkt: Das ist die Sprache, die übrigbleibt, wenn Öffentlichkeit sich auflöst. Kein Argument, kein Adressat — nur der Reflex, jemandem den Mund zu stopfen. An einem Speicher, der selbst seit Jahrzehnten nichts mehr fasst.

Innerhalb der Stadtmauer dann, vorbei an der alten Schule, in Richtung Wasserturm. Der steht seit 1933 auf dem sogenannten Schlossberg, wo früher eine Residenz der landesfürstlichen Vögte stand — 1637 abgebrannt, seitdem verschwunden.


Davor das Denkmal des letzten Straßenfegers von Grimmen, Otto Pingel, 2009 auf Initiative des Bürgermeisters Benno Rüster aufgestellt, künstlerische Gestaltung Gisela Krüger. Ein alter Mann mit Brille, der kehrt. Solche Denkmäler erzählen etwas, das Ratsbeschlüsse nicht erzählen: dass eine Stadt weiß, was sie verloren hat.

Die alten Geschäftshäuser an der Langen Straße — große Fassaden, die auf einen anderen Maßstab des Handels hindeuten, der hier einmal stattfand. Zuletzt aktiv wohl zu DDR-Zeiten oder kurz danach, das sieht man dem Putz an, dem Schaufensterprofil, den blinden Fenstern.

Dabei fragt man sich, was die Menschen bewogen hat, sich hier anzusiedeln. Loitz und Demmin liegen an der Peene — da erklärt sich die Existenz von selbst: Wasser, Schifffahrt, Mühlen. Stralsund hat seine Förde. Grimmen aber liegt dazwischen, zu weit von Stralsund entfernt, um in dessen Schatten zu wachsen, und noch nicht in der stillen Abgeschlossenheit eines Loitz oder Demmin. Nur die Trebel, kaum mehr als ein Bach. Vielleicht war es tatsächlich nicht mehr als das: eine Furt, ein Weg, ein günstiger Moment.

Grimmen war ein Eisenbahnknoten. 1878 kam der Anschluss an die Strecke Berlin–Stralsund. 1896 eröffnete die Greifswald-Grimmener Eisenbahn-Gesellschaft eine 48 Kilometer lange Linie westwärts bis Tribsees.

Grimmen lag nun zwischen zwei Hauptachsen. Außerhalb der Stadtmauer, am Schützenplatz, entstand ein Güterumschlagsbahnhof. Die Dampfziegelei Leitner, die seit 1865 den hiesigen Liaston verarbeitete, baute eine Feldbahn direkt auf das Bahngelände. Der landwirtschaftliche Ein- und Verkaufsverein errichtete daneben einen 3.000-Tonnen-Speicher.

Wer heute mit dem Zug durch Grimmen fährt, sieht zunächst die Plattenbauten. Sie stehen dicht, mehrgeschossig — der Stadtteil Südwest, für 8.000 Einwohner geplant und gebaut. 1961 entstand hier der VEB Erdöl und Erdgas, und mit ihm kamen die Arbeitskräfte, und mit denen der Wohnraum, die Poliklinik, das Kulturhaus, die Kaufhallen, die Schulen. Grimmen war Kreisstadt — seit 1816 schon, durch preußische Verwaltungslogik, und die DDR übernahm das 1952 stillschweigend in ihre eigene. Kreisstadt bedeutete Behörden, Behörden bedeuteten Beamte, Beamte bedeuteten Wohnungen. Die Einwohnerzahl stieg bis 1989 auf 15.000. Dann schlossen die Betriebe. Der Bahnhof, einmal Knotenpunkt, ist heute ein Haltepunkt.

Am Markt, das Rathaus. Um 1400 entstanden, Backsteingotik, Staffelgiebel, drei spitzbogige Arkaden in der offenen Rats- und Gerichtslaube. Hier wurde Recht gesprochen, Lübisches Recht. Am linken Pfeiler der Laube hing von 1745 bis etwa 1945 eine Schandkette — ein Halseisen, das Dieben und Hehlern umgelegt wurde, damit sie vor der Öffentlichkeit standen. Heute hängt dort eine Nachbildung. Der Pfeiler markiert den Schnittpunkt des alten Handelsweges zwischen Stralsunder Tor und Greifswalder Tor.

Der Putz blättert an manchen Stellen, und darunter kommt Fachwerk zum Vorschein. Am Markt treten die Ziegel aus dem Verputz — ihre Farbe, ihr Format, das Muster der Fugen. Die Stadt zeigt sich, wenn man genau hinschaut. Und an einem Maitag mit diesem Licht fällt das Hinschauen leicht.

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