Mecklenburg-Vorpommern / Pommern

Lassan – Die alte Stadt in Pommern

Bevor man nach Lassan kommt, fährt man durch Papendorf. Ein Dorf im Lassaner Winkel, nicht groß, ein See, eine kleine Badestelle. Ich bin dort geschwommen. Vom Wasser aus sieht man auf die flachen Ackerhügel ringsum. Der Himmel ist weit, die Wolken liegen noch einmal im See, am Ufer stehen abgestorbene Bäume zwischen Schilf. Dahinter ein Kornfeld im Licht. Es ist einer dieser Orte, an denen man länger bleiben könnte, ohne gleich zu wissen, warum. Aber man fährt weiter. Lassan kennt man, wenn man schon einmal dort gewesen ist. Die Stadt verändert sich nicht schnell. Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb man wiederkommt.

Hinter einem Schilfgürtel, den man vom Haupthafen aus kaum bemerkt, liegt der Anleger der Fischer und Angler. Man muss ihn kennen oder zufällig hineingeraten. Dort liegen grüne Rümpfe, alte Planken, ein rostiges Ankerad, halb überwachsen. Auf einem Haufen Fischernetze sitzt eine getigerte Katze mit gelben Augen und sieht einen an, als hätte man hier nichts verloren. Wahrscheinlich stimmt das. Ein Reiher steht auf einem Pfahl im Wasser. Er bewegt sich nicht. Das grüne Fischerboot liegt im Schilf zwischen hohen Halmen. Mittschiffs ragt der hochgezogene Stechpfahl auf, mit dem die Fischer das Boot im flachen Boddenboden festsetzen, wenn sie an den Reusen arbeiten. Drüben am Horizont liegt Usedom, flach und hell. Zwischen Fischeranleger und Werft sieht man das alte Hafenbecken. Früher lagen dort die Boote der Familie Menge. Jetzt ist es still und stark versandet.

Dann kommt der Regen. Pfützen füllen sich, Tropfen schlagen Kreise in Kreise. An einem Fensterrahmen eines alten Holzbootes hält eine Spinne ihr Netz, die Scheibe ist beschlagen. Man wartet, wie man an solchen Orten wartet: ohne Programm, ohne Eile. Als der Regen aufhört, kommt das Licht verändert zurück. Schwerer, goldener. Vor den dunklen Wolken steht ein vollständiger Regenbogen. Der rote Schuppen der Werft Menge liegt im Abendlicht. Dahinter stehen aufgebockte Segelboote, auf dem Gelände finden sich Werkzeug, Holz, alte Beschläge und vieles, was von früheren Arbeiten erzählt. Die Werft wirkt 2019 stiller als in ihren aktiven Jahren. Nur gelegentlich wird noch an einem Boot gearbeitet. Gerade dadurch hat der Ort eine besondere Atmosphäre: als sei hier die Zeit langsamer vergangen und als hätten die Spuren der Arbeit ihren Platz behalten. Links davon der Haupthafen mit seinen Masten, den Spiegelungen im Wasser und den Bäumen, die schon erste Herbstfarben zeigen.

Bei diesem Licht muss ich an Johannes Bobrowski denken. An seine Landschaften, an das Weite, Alte, nicht ganz Verschwundene. Lassan und der Lassaner Winkel sind nicht Bobrowskis Sarmatien, aber an manchen Abenden scheint etwas davon herüber: Wasser, Schilf, Himmel, ein Randland, in dem Geschichte nicht erklärt wird, sondern bewahrt wurde. Volker Koepp ist Bobrowski früh gefolgt. Schon sein Film Grüße aus Sarmatien war von dessen Gedichten angeregt. Später ist Koepp immer wieder in diese Landschaften zurückgekehrt, mit Thomas Plenert hinter der Kamera. Thomas Plenert hat mit Volker Koepp seit 1988 fast sämtliche Filme gedreht: die Wismut, Kalte Heimat, Herr Zwilling und Frau Zuckermann. Seine Bilder wirken manchmal wie alte Seestücke. Er gibt den Wolken Raum für ihre Bewegungen, lässt Licht und Schatten über Meer und Acker ziehen und hält das mit einer Ruhe fest, die mich immer berührt hat. Filme über Gegenden, die nicht im Mittelpunkt stehen, und über Menschen, die dort geblieben sind, fortgegangen sind oder wiederkommen. Abends am Peenestrom ist das Wasser still. Die Farben wechseln langsam. Vielleicht versteht man dort besser, warum Koepp und Plenert immer wieder in diese Landschaften gefahren sind. Nicht wegen des sofort Auffälligen, sondern wegen des Lichts, der Weite und der Geduld dieser Orte.

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