Der Tag begann im Bauernmuseum in Wittstock in der Nordwestuckermark. Dort fand eine Veranstaltung rund um Schafe und Landwirtschaft statt, zu der auch der Pommernhof Westphal aus Mönchgut gekommen war. Es war keine große Veranstaltung, aber eine sehr angenehme. Die Besucherinnen und Besucher blieben an den Ständen stehen, fragten nach, kamen ins Gespräch, und das Team des Museums war herzlich und aufmerksam. Man merkte, dass sie sich darüber freuten, dass der Pommernhof den weiten Weg aus dem Süden Rügens in die Nordwestuckermark auf sich genommen hatte.
Im Gespräch erzählte mir jemand aus dem Museum, dass es inzwischen gar nicht so einfach sei, Künstler, Handwerker oder kleine Produzenten aus der Uckermark für solche Veranstaltungen zu gewinnen. Viele führen lieber nach Berlin. Dort kämen mehr Menschen, dort lasse sich mehr verkaufen, dort lohne sich der Aufwand eher. Das kann man verstehen. Wer von seiner Arbeit leben muss, entscheidet sich am Ende für den Ort, an dem sich diese Arbeit bezahlt macht. Für kleine Veranstaltungen auf dem Land ist es trotzdem schade, wenn Menschen aus der eigenen Region lieber in die Hauptstadt fahren, weil dort die besseren Möglichkeiten liegen.
Am Nachmittag fuhr ich weiter. An einer Straße stellte ich das Auto ab und folgte einem Weg, der schnurgerade durch die Felder führte. Gleich am Anfang waren unter dem Asphalt noch Reste der alten Schienen zu erkennen, später lagen zwischen Gras und Erde die groben Steine des ehemaligen Gleisbetts. Man musste nicht lange rätseln, was hier einmal gewesen war. Die alte Bahntrasse zog sich gerade durch die Landschaft und führte heute als Feldweg weiter zur Wüsten Kirche.
Von der Kirche selbst war an diesem Tag kaum etwas zu sehen. Der Bewuchs stand dicht, Sträucher und Bäume hatten sich um die Ruine gelegt, und nur an wenigen Stellen ließ sich überhaupt erkennen, was dort verborgen lag. Einmal sah ich zwischen Ästen und Blättern ein Stück Mauer, an anderer Stelle Teile der alten Feldsteinmauer, die das Gelände umgab. Mehr bekam ich nicht vor die Kamera.
Ich fand das ein wenig schade. Nach dem langen Weg über die alte Bahntrasse hatte ich gehofft, wenigstens etwas mehr von der Ruine sehen zu können. Mit einer Drohne wäre es wahrscheinlich anders gewesen; von oben hätte sich vielleicht noch erkennen lassen, was unten hinter Bäumen, Sträuchern und Gestrüpp verschwand. So blieb mir fast stärker der Weg dorthin in Erinnerung als die Kirche selbst. Die Bahn war seit Jahrzehnten verschwunden, ihre Spur ließ sich aber noch immer gut verfolgen. Von dem Dorf, zu dem die Kirche einst gehört hatte, war sehr viel weniger geblieben.
Von dort fuhr ich nach Rittgarten. Ich blieb auf einem öffentlichen Weg stehen und fotografierte eine alte Scheune. Hinter mir stand ein älteres Haus, dazwischen lag eine Rasenfläche mit ziemlich hohem Gras. Plötzlich rief eine ältere Frau aus dem Haus, was ich da mache, das sei Privatgrundstück. Ich rief zurück, dass ich davon ausgegangen sei, auf einem öffentlichen Weg zu stehen, und lediglich fotografieren wolle. Eigentlich wollte ich noch eine Aufnahme vom alten Gutshaus machen und führte nichts Böses im Schilde.
„Das Gutshaus ist da drüben“, kam es zurück.
Ja, sagte ich, das hätte ich gesehen. Ich erklärte noch einmal, dass ich wirklich nur ein Foto machen wolle. Dann verschwand die Frau wieder im Haus, ich machte meine Aufnahme und ging weiter.
Die kleine Begegnung blieb mir im Kopf. Vielleicht hatte die Frau schlechte Erfahrungen gemacht, vielleicht war sie einfach vorsichtig, vielleicht störte sie nur der fremde Mann mit der Kamera. Ich weiß es nicht. Trotzdem musste ich an das Gespräch vom Vormittag denken. Dort hatte man mir erzählt, dass viele Menschen aus der Uckermark zum Verkaufen lieber nach Berlin fahren. Gleichzeitig kommen seit Jahren Menschen aus Berlin in die Uckermark, kaufen Häuser und Höfe, verbringen ihre Wochenenden hier oder ziehen ganz her. Ob das für die Frau in Rittgarten irgendeine Rolle spielte, kann ich nicht sagen. Aber solche Veränderungen bleiben in kleinen Orten vermutlich nicht unbemerkt.
Hinter Rittgarten öffnete sich die Landschaft wieder. Große Rapsfelder lagen über den flachen Höhen, dazwischen Baumgruppen, Senken und kleine grüne Stellen mitten im Gelb. Manchmal waren es nur ein paar Bäume, manchmal ein Stück Wiese oder ein feuchterer Grund, der sich der gleichmäßigen Fläche entzog. In der Ferne standen Windräder, die Straßen liefen über die Kuppen und verschwanden dahinter.
Ich hielt mehrmals an. Nicht, weil dort eine bestimmte Sehenswürdigkeit gewesen wäre, sondern wegen dieser Weite. Die Uckermark hat an manchen Stellen einen Blick, der sich auf Fotografien nur schwer wiedergeben lässt. Man sieht nicht nur bis zum nächsten Feldrand, sondern noch über zwei oder drei weitere hinweg, und dazwischen liegen immer wieder diese grünen Inseln, Baumreihen und kleinen Senken, die das Land gliedern.
In Holzendorf stellte ich das Auto neben einem alten Stallgebäude ab. Von dort blickte ich auf das ehemalige Gutshaus, heute nur noch eingeschossig. An der Straßenkreuzung traf ich einen Mann, der aus Richtung der großen landwirtschaftlichen Gebäude kam, und wir kamen ins Gespräch.
Er sprach von der LPG. In der Ortsgeschichte wird der Betrieb als Volkseigenes Gut Holzendorf geführt, das von 1949 bis 1991 das Leben im Dorf bestimmte. Mehr als zweihundert Menschen hätten hier früher gearbeitet, erzählte er, heute seien es noch zwei.
Er sagte das nicht beiläufig. Es lag etwas Nachdenkliches darin, vielleicht auch etwas Klage. Ich konnte das verstehen. Heute fährt einer mit einem Traktor über Flächen, für die früher sehr viel mehr Menschen gebraucht wurden, ein anderer sitzt auf dem Mähdrescher, und am Ende ist wahrscheinlich mehr Land in kürzerer Zeit bestellt als damals. Landwirtschaftlich ist das eine Entwicklung, die sich leicht erklären lässt. Für ein Dorf ist die Rechnung eine andere. Zweihundert Menschen gingen zur Arbeit, verdienten dort ihr Geld, trafen einander, hatten Familien. Zwei Menschen können dieselbe Fläche heute mit moderner Technik bewirtschaften. Sie können aber keine zweihundert Menschen im Dorf ersetzen.
Ich hörte ihm einfach zu. Er war der Gegenwart gegenüber deutlich kritischer, das merkte man auch später, als er von den Jahren nach 1990, den ABM-Maßnahmen und den heutigen Sozialleistungen sprach. Man sollte diesen Menschen zuhören, um zu verstehen, woher ihr heutiger Blick stammt.
Dann erzählte er vom Gutshaus. Die oberen Stockwerke seien zu DDR-Zeiten abgetragen worden, sein Vater habe dabei mitgeholfen und dafür eine Prämie bekommen. Im Keller hätten sich die Leute in den achtziger Jahren einen Raum eingerichtet, eine Art Kneipe oder Treffpunkt, wohl auch mit dem Gedanken, ihn im Ernstfall als Schutzraum nutzen zu können. Damals war die Möglichkeit eines atomaren Krieges angesichts der Konfrontation und Aufrüstung zwischen Ost und West sehr präsent. Verschwunden ist diese Gefahr heute keineswegs; der Krieg in der Ukraine und die neue Konfrontation zwischen Russland und dem Westen haben sie wieder näher an Europa herangerückt.
Bei diesem Gedanken grinste er und meinte, angesichts der heutigen politischen Lage könne man in Berlin vielleicht einmal nachfragen, ob es Fördermittel gäbe, um den Raum wieder herzurichten.
Wir sprachen noch eine Weile über die Jahre nach 1990. Er kam auf Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu sprechen und erzählte, die alten Bänke unten am See seien damals von ABM-Kräften gebaut worden. Ob das genau so war, kann ich nicht überprüfen, aber ich erinnerte mich später daran, als ich hinunter zum Holzendorfer See ging.
Der See war über Jahre trockengelegt gewesen und wurde 2003 wieder geflutet. Heute liegt dort wieder Wasser zwischen Schilf und Bäumen. Schwäne waren unterwegs, Graureiher standen am Rand, und mitten im See ragten noch alte Strommasten aus dem Wasser.
Gerade diese Masten fielen mir sofort auf. Sie stammen aus der Zeit, in der dort trockenes Gelände war, und stehen nun an einer Stelle, an der man sie überhaupt nicht erwartet. Auf einem Feld oder an einer Straße würde man sie kaum beachten. Im Wasser, zwischen Schilf und Vögeln, wirken sie merkwürdig fremd. Gleichzeitig erinnern sie daran, dass der See irgendwann trockengelegt und nach der Wende wiedervernässt wurde.
Ich blieb eine Weile dort unten und ging später wieder hinauf Richtung Gutshaus. Hinter dem Gebäude liegt ein großer Reitplatz, und gerade wurden Pferde in den Stall gebracht. An einem alten Tor entdeckte ich die Silhouette eines Pferdes im Metall.
Erst später las ich, dass Holzendorf seit 1970 einen Reitstützpunkt besaß und mit Reit-, Spring- und Fahrturnieren weit über die nähere Umgebung hinaus bekannt war. Damit erklärte sich auch dieses kleine Pferd im Tor. Und die Geschichte des Pferdesports war nicht nur etwas, das man nachlesen konnte; während ich dort stand, wurden hinter dem alten Gutshaus ganz selbstverständlich wieder Pferde in den Stall geführt.
Als ich später die Bilder des Tages durchsah, fiel mir auf, wie verschieden der Vormittag im Bauernmuseum und die Stunden danach gewesen waren. Im Museum hatte jemand über Jahre gesammelt, recherchiert, Dinge zusammengetragen und ihre Geschichten bewahrt. Ich fand das beeindruckend.
Draußen begann die Sache oft nur mit einer Irritation. Warum liegen unter diesem Asphalt Schienen? Was steht dort hinter dem Gestrüpp? Warum hat dieses Gutshaus nur noch ein Geschoss? Weshalb stehen Strommasten mitten in einem See? Und was macht dieses Pferd in dem alten Tor?
Dann fing das Schürfen an. Man fragte jemanden, las später etwas nach, suchte alte Karten, fand einen Satz in einer Ortsgeschichte und merkte, dass hinter einem unscheinbaren Detail plötzlich ein ganzes Stück Landschaft aufging.
Bei manchen Bildern wusste ich erst zu Hause, was ich eigentlich fotografiert hatte. Bei anderen half ein Gespräch am Straßenrand. Und manches blieb offen.















































