Bärwalde

An diesem regnerischen Apriltag fühlte sich der Ort für mich ernsthaft falsch an. Die Straßen waren beinahe leer, ich sah kaum einen Menschen, und doch war die Stadt keineswegs still. Aus den Häusern kamen Stimmen, polnische Nachrichtensprecher aus Fernsehern, Musik aus Radios, Gesprächsfetzen hinter Fenstern und Gardinen. Man hörte die Bewohner, ohne sie zu sehen. Dazu diese deutschen Häuser. Backstein, alte Giebel, Fassaden, Türen und Fensterachsen, der Bahnhof, die Stadtmauer, die Kirche. Aus ihrem Inneren sprach polnische Gegenwart, als würden Bild und Ton nicht zueinanderpassen.

Bärwalde kannte ich aus Karten, aus Büchern, aus jener alten Geographie des Ostens, in der die Orte noch ihre deutschen Namen tragen und Eisenbahnlinien über Grenzen führen, die heute an anderer Stelle liegen. Nun stand ich in Mieszkowice. Der Regen machte den Putz dunkel, lief über das Pflaster, hing in den Bäumen. Auf manchen Fassaden lagen die Jahrzehnte offen, andere trugen Satellitenschüsseln, neue Fenster, ein frisches Garagentor – und darunter immer wieder das alte Maß der Häuser.

Die Stadt ist alt. Der Name Berenwalde erscheint 1295 in einer Urkunde Markgraf Albrechts III., 1298 wurde der Ort erstmals als civitas bezeichnet. Ende des 13. Jahrhunderts entstand auch die Marienkirche. Am 14. August 1319 starb hier Markgraf Woldemar von Brandenburg, der der Stadt zwei Jahre zuvor ihre Stadtrechte erneuert hatte. Ein Jahr später starb mit Heinrich II. der letzte männliche Vertreter der brandenburgischen Askanier.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde hier 1631 der Vertrag von Bärwalde ausgehandelt, mit dem Frankreich den schwedischen Krieg gegen die Kaiserlichen durch Subsidien unterstützte. Zwei Jahre später verwüsteten Wallensteins Truppen die Stadt, 1637 folgten erneut schwedische Truppen. Bärwalde erholte sich davon nur langsam; 1680 wurden gerade noch dreißig Bürger gezählt.

Mehr als zweieinhalb Jahrhunderte später, am 4. Februar 1945, eroberte die Rote Armee Bärwalde. Rund dreißig Prozent der Bebauung wurden bei den Kämpfen zerstört, vor allem im Zentrum. Vieles andere blieb stehen – darunter jene Häuser und Straßenzüge, durch die ich an diesem regnerischen Apriltag ging.

Niemand hatte diese Stadt für einen Besucher konserviert. Die Häuser wurden benutzt, bewohnt, verändert. Hinter den Mauern lief das Fernsehen, irgendwo spielte ein Radio, und draußen stand ich mit meiner Kamera vor Formen, die ich kannte. Backsteingiebel, Türen, Fenster, Mauern – manches hätte mir in ähnlicher Weise auch in einer kleinen Stadt der Altmark begegnen können. Nur war dies nicht die Altmark. Ich stand in Bärwalde, in der alten brandenburgischen Neumark, heute Mieszkowice in Polen.

Vielleicht machte gerade diese Vertrautheit das Gefühl so merkwürdig. Hätte alles fremd ausgesehen, wäre es einfacher gewesen. Aber meine Augen erkannten vieles wieder, während meine Ohren mir fortwährend sagten, dass ich längst in einer anderen Welt stand.

Als ich zurück zum Auto ging, regnete es noch immer. Aus den Häusern kamen weiter polnische Stimmen, an den nassen Fassaden lief das Wasser herunter. Das falsche Gefühl war nicht verschwunden.

Ich hatte ihm nur ein paar Bilder gegeben.