Oktober an der Oder – Zellin und der Fluss, der einmal verband · IV

Von Güstebiese fuhr ich weiter nach Süden. Mein nächstes Ziel war Zellin an der Oder, heute Czelin. Die Strecke war nicht lang, führte aber noch einmal durch einen Wald, in dem ich am liebsten angehalten wäre. Die Buchen und Kiefern standen im schönsten Oktoberlicht, dazwischen sandige Wege, die aussahen, als könnten dort ebenso gut Panzer entlanggefahren sein. Ich weiß nicht, wohin sie führten. An diesem Nachmittag wollte ich trotzdem weiter.

Am Waldrand öffnete sich die Landschaft. Eine Allee, ein paar Blumen am Straßenrand, dahinter Felder, von denen einige aussahen, als wären sie schon länger nicht mehr bestellt worden. Über den Feldern lag dieses tiefe Oktoberlicht. Selbst die Wegränder und die längst nicht mehr ganz grünen Wiesen sahen darin gut aus.

Zwischen den Bäumen tauchte wieder eine Kirchturmspitze auf.

Zellin.

Czelin.

Am Ortseingang kamen erst einmal diese Häuser aus sozialistischer Zeit, die ich für mich etwas respektlos „Kartons“ nenne. Quadratisch, praktisch und in Polen irgendwie überall wiederzuerkennen. Erst dahinter tauchte das Zellin auf, wegen dem ich eigentlich gekommen war.

Ich fuhr an der ehemaligen Gutsanlage vorbei. Das Gut war einmal eine preußische Staatsdomäne gewesen, nach 1945 wurde der Hof als polnischer Staatsbetrieb weitergenutzt. Heute waren vor allem alte Wirtschaftsgebäude, Mauern und verrostete Technik geblieben und dazwischen Dinge, bei denen man nicht recht wusste, ob sie noch gebraucht wurden oder einfach stehen geblieben waren.

Hinter der Anlage lag der Parkplatz. Nebenan stand ein Gebäude mit einem kaputten Fenster. Zwei Kinder waren dort und schauten immer wieder zu mir herüber. Wahrscheinlich fragten sie sich einfach, warum dieser fremde Mann ausgerechnet ihre alten Mauern fotografierte. Irgendwann waren sie weg.

Vom Parkplatz führte eine Treppe hinunter zum Denkmal. Schon die Gestaltung erinnerte mich an andere Orte im Osten Europas. Weiße Steine, sauber eingefasste Flächen, Fahnen, ein hoher steinerner Pfahl. Das hätte ebenso gut irgendwo in Russland stehen können.

Man befindet sich dort noch hoch über der Oder. Von der Anlage sah man weit über die Wiesen, den Fluss und hinüber nach Deutschland. Die Bäume auf beiden Seiten waren gelb und rot geworden. Im Herbstlicht wirkte selbst dieses schwere Denkmal für einen Moment erstaunlich harmlos.

Der große Obelisk erinnert an einen Grenzpfahl, den polnische Soldaten am 27. Februar 1945 hier aufstellten. Das Seltsame daran: Eine polnische Grenze verlief hier damals noch gar nicht. Der Krieg war nicht beendet, Zellin gehörte noch zu Deutschland, und die spätere Oder-Neiße-Grenze war international noch nicht festgelegt. Der Pfahl war zunächst ein politisches Zeichen. Eine Vorstellung davon, wo Polen künftig enden sollte.

Auf einer der Tafeln steht:

„Dort wo wir sind, ist die Grenze …“

Die Ausstellung bezeichnet die Vorstellung von der „Wiedergewinnung“ alter Piastengebiete an anderer Stelle sogar selbst als Teil der kommunistischen Propaganda. Gleichzeitig wird auf derselben Tafel der Eindruck erweckt, die Westgrenze Polens sei bereits auf der Konferenz von Jalta entlang von Oder und Neiße beschlossen worden.

So einfach war es nicht.

Ein paar Meter weiter stand dann eine Tafel, die mir ausnahmsweise gefiel.

Dort befindet sich ein kleiner archäologischer Freilichtbereich. Bei Zellin war 2004 ein Gräberfeld aus den ersten Jahrhunderten nach Christus entdeckt worden. Brandgräber, Waffen, Schmuck, Gegenstände aus einer Welt, in der es weder Deutschland noch Polen gab.

Im deutschen Text hieß der Ort selbstverständlich Zellin. Die Forscher aus Stettin schrieben von Germanen, vom Barbaricum, von Tacitus, der Przeworsk-Kultur und den Kontakten zum Römischen Reich. Keine Verrenkung, aus zweitausend Jahre alten Funden schon irgendeine heutige Nation machen zu wollen.

Man konnte also auch einfach hinschreiben, was man wusste, und das stehen lassen. Das gefiel mir.

Weiter unten am Wasser stand die Nachbildung jenes weiß-rot gestrichenen polnischen Grenzpfahls. Ich ging hinunter zur Oder.

Unten war niemand. Kein Boot auf dem Fluss, niemand am Ufer. Ich hörte eigentlich nur den Wind im Gras.

Die alten Bilder von Zellin, die ich später fand, passen zunächst überhaupt nicht zu dieser Stille. 1939 lebten hier noch mehr als 1.200 Menschen. Heute sind es gut 350. Auf den alten Aufnahmen fahren Fuhrwerke auf die Fähre, Lastkähne liegen am Ufer, Menschen stehen am Wasser.

Die Oder war damals nicht das Ende des Dorfes. Sie gehörte dazu.

Von Zellin führte eine Fähre auf die andere Seite. Wagen fuhren hinunter zum Wasser und setzten über. Frachtschiffe legten am Ort an. Über dem Odervorland stand ein hoher Gittermast. Von dort ging die Stromleitung einfach über die Oder. Auch das wirkt auf den alten Bildern völlig selbstverständlich. Die Fähre fuhr hinüber, Lastkähne legten an, selbst der Strom ging auf die andere Seite.

2024 standen davon nur noch vier massive Betonsockel im Gras.

Damals wusste ich nicht, wozu sie gehörten. Ich fotografierte sie einfach. Erst viel später entdeckte ich eine Aufnahme von Zellin aus dem Jahr 1937. Genau dort steht der hohe Gittermast der Leitung über die Oder. Die vier Fundamente dürften das sein, was von ihm übrig geblieben ist.

2024 fotografierte ich manches einfach, weil es mir auffiel. Was ich da eigentlich vor mir hatte, fand ich zum Teil erst viel später heraus.

Auch im Wasser lagen Betonreste. Damals konnte ich mit ihnen ebenfalls nichts anfangen. Auf einem alten Foto von 1978 fand ich später an genau dieser Stelle die Anlegestelle der polnischen Grenztruppen. Dort lagen damals die Patrouillenboote der WOP.

Vor 1945 fuhr hier die Fähre. In den siebziger Jahren fuhren Grenzpatrouillen. Und nun stand ich dort allein.

Eigentlich waren Polen und die DDR damals sozialistische Bruderstaaten. Trotzdem war die Oder eine bewachte Staatsgrenze. Man durfte nicht einfach irgendwo ein Boot nehmen und hinüberfahren. Die Grenztruppen kontrollierten den Fluss, den Uferbereich und den Schiffsverkehr.

Heute könnte ich auf der anderen Seite ins Auto steigen und ohne eine einzige Kontrolle wieder nach Polen fahren. Nur auf der Oder selbst war davon kaum etwas zu merken.

Sie lag einfach da.

Am deutschen Horizont standen wieder die Windräder.

Sehr viele.

Ich hatte mich schon vom Oderhang bei Stare Łysogórki über ihren Anblick geärgert, und hier ging es mir nicht anders. Eine weiße Reihe nach der anderen stand über dem flachen Oderbruch.

Vielleicht war ich an diesem Nachmittag aber auch einfach nicht mehr bereit, mich mit ihnen zu versöhnen.

Ich ging wieder hinauf.

Die Kirche lag nicht weit entfernt. Im Kern stammt sie aus dem 13. Jahrhundert. 1827 beschäftigte sich sogar Karl Friedrich Schinkel mit ihr und entwarf den Umbau von Turm und Westfassade. Im Krieg wurde die Kirche schwer zerstört und Jahrzehnte später wieder aufgebaut.

An diesem Nachmittag wusste ich davon noch nicht alles. Ich sah zunächst nur den Turm, die alten Mauern und später, als das Licht tiefer stand, seine Silhouette vor dem Himmel.

Später sah ich noch einmal die Einwohnerzahlen: mehr als 1.200 Menschen vor dem Krieg, heute kaum 360.

Da hatte diese Stille plötzlich eine Zahl.

Ein Stück weiter rostete auf dem Gelände der ehemaligen Gutsanlage noch eine alte Förderanlage vor sich hin.

Kurz danach kamen wieder die Kraniche. Eine lange Reihe zog über die Landschaft, so viele, dass ich sie zunächst eher hörte als sah. In dieser Woche im Oderbruch gehörte ihr Rufen fast schon zum Tag.

Dann fuhr ich noch einmal durch den Ort. Am Dorfrand stand diese Allee im letzten Licht, orange und gelb, fast übertrieben schön.

Auf einem Grundstück entdeckte ich noch ein kleines altes Nebengebäude. Ein Jahr später war das ganze Grundstück mit Kunststoff-Sichtschutz eingefasst. Das Haus war noch da, aber dieses Bild gab es nicht mehr.

Ein Stück weiter stand noch ein alter Stall aus deutscher Zeit, oben auf dem Dach die Wetterfahne.

Danach blieb eigentlich nur noch der Himmel.

Die Kirche wurde zur Silhouette. Das Orange zog über den Horizont, später Rot und Dunkelblau. Ich machte noch ein paar Bilder und irgendwann wusste ich, dass der Tag vorbei war.