Oktober an der Oder – Güstebiese und die Namen der Toten · III

Vom Oderhang bis Gozdowice, dem früheren Güstebiese, war es nicht mehr weit. Von dem Ort hatte ich vorher schon gehört. Freunde aus Wriezen hatten mir von der Fähre erzählt, mit der man hier über die Oder nach Deutschland übersetzen kann. An diesem Oktobertag fuhr sie allerdings nicht mehr. Der Betrieb für die Saison war bereits eingestellt. Als ich in den Ort kam, stand rechts oberhalb der Straße die Kirche. Davor ein Platz, auf dem vermutlich sonntags die Autos der Kirchgänger stehen. Gegenüber lag das kleine Militärmuseum, wieder einer dieser Erinnerungsorte an die Kämpfe von 1945, denen man in dieser Gegend erstaunlich oft begegnet.

Ich ging hinüber.

Eine breite Treppe führte hinauf. Es war inzwischen richtig Herbst geworden, auf den Stufen lagen Blätter, und oben stand ein polnischer Soldat mit einem Rettungsring. Das Pionierdenkmal erinnert an jene Soldaten, die im Frühjahr 1945 den Übergang über die Oder vorbereiteten.

Ich sah es mir an.

Mehr passierte nicht.

Vielleicht hatte ich an diesem Tag schon zu viele Panzer, Kreuze und Denkmäler gesehen. Vielleicht war meine Aufmerksamkeit längst woanders. Jedenfalls ließ mich dieser Ort ziemlich kalt.

Ich ging die Treppe wieder hinunter und am Museum vorbei.

Dort begann für mich das interessantere Gozdowice.

Neben der Straße standen alte Mauern und ein Wirtschaftsgebäude aus hellem Backstein, mit Rundbögen und jener Bauweise, die mir von Brandenburg vertraut vorkam. Es hätte ebenso gut irgendwo bei Zehdenick, Gransee oder weiter westlich stehen können. Ein paar Kilometer zuvor hatte ich noch auf einem großen polnischen Soldatenfriedhof gestanden, und nun war ich plötzlich wieder in einer Architektur, die mir vollkommen bekannt erschien.

Daneben ein kleiner Rastplatz mit Bank und Informationstafel, finanziert mit Mitteln der Europäischen Union im Rahmen eines grenzüberschreitenden Projektes. Ausgerechnet hier wurde die deutsche Geschichte der Landschaft beinahe vollständig aus der Erzählung entfernt. Güstebiese kam nicht vor, seine früheren Bewohner ebenso wenig. Auf einer weiteren Tafel wurde sogar die jahrhundertelange Geschichte Bärwaldes beschrieben, ohne den Namen Bärwalde oder die deutsche Bevölkerung auch nur zu erwähnen. Man nahm Kirchen, Stadtmauern, Häuser und siebenhundert Jahre Geschichte in Besitz – nur diejenigen, die diese Orte gebaut und über Generationen bewohnt hatten, verschwanden aus dem Text.
Für ein europäisches Grenzprojekt fand ich das nicht nur erstaunlich, sondern beschämend. Versöhnung kann nicht darin bestehen, die Geschichte des Nachbarn dort wegzulassen, wo sie der eigenen nationalen Erzählung unbequem wird.

Vielleicht fällt einem so etwas besonders auf, wenn man von der anderen Seite der Oder kommt.

Niemand müsste heute Gozdowice anders nennen. Es ist ein polnischer Ort und seit achtzig Jahren leben hier polnische Familien. Aber wenn man eine jahrhundertealte Kirche, alte Bauernhäuser und Wirtschaftsgebäude erklärt, gehört für mich auch dazu, wer diese gebaut hat und wie der Ort damals hieß.

Ich ging weiter die Straße hinunter.

Auf der linken Seite stand ein schön saniertes Haus. Putz, Fenster, Dach – alles gepflegt. Es hätte genauso gut in einem brandenburgischen Dorf stehen können. Gegenüber dieses graue Wohnhaus, davor die typischen polnischen Strommasten, oben ein altes Storchennest, das schon länger nicht mehr benutzt aussah.
Ein Stück weiter stand dann wieder ein erstaunlich schön erhaltenes Fachwerkhaus.

Unten lag die Oder.

An der Fährstelle stand ein kleines Gebäude mit gelber Tür und gelben Fensterrahmen. Es gehörte zur Grenzabfertigung, die hier erst 2007 eingerichtet worden war, als die Fährverbindung nach mehr als sechs Jahrzehnten wieder eröffnet wurde. Nur zwei Monate später trat Polen dem Schengen-Raum bei. Grenzkontrollen waren damit nicht mehr nötig.

Ein Grenzgebäude, das beinahe schon überflüssig war, als es neu war.

Heute steht es dort und wartet auf nichts mehr.

Rechts davon lagen zwei Arbeitsboote der polnischen Wasserverwaltung. Auch das hatte eine längere Geschichte, als ich zunächst dachte. Schon 1854 gab es hier in Güstebiese einen Wasseraufsichtsposten. Staaten und Ortsnamen wechselten, die Oder musste weiter vermessen, beobachtet und für die Schifffahrt markiert werden.

Bis auf meinen Angler.

Das kleine Motorboot, das ich zuvor vom Oderhang aus gesehen hatte, tauchte wieder auf. Derselbe Mann, der auf deutscher Seite sein Boot zu Wasser gelassen hatte. Er zog nun draußen auf dem Fluss vorbei.

Die Bojen lagen im Wasser, dahinter die Bäume auf der anderen Seite. Und weiter südlich sah ich zwischen ihnen eine Kirchturmspitze.

Zellin.

Czelin.

Dorthin würde ich später noch fahren.

Im Augenblick stand ich aber noch in Güstebiese. Oder Gozdowice.

Vielleicht begann genau dort diese doppelte Wahrnehmung des Ortes.

Als ich mich umdrehte, sah ich den Kirchturm wieder oberhalb der Straße. Davor ein polnischer Grenzstein. Dann kam ein alter UAZ angefahren, diese russischen Kleinbusse, die aussehen, als hätten sie irgendwann in den sechziger Jahren beschlossen, dass technische Entwicklung nun ausreichend stattgefunden habe.

Drinnen saß ein deutsches Paar aus Eberswalde.

Sie wollten mit der Fähre hinüber.

Ich musste ihnen sagen, dass daraus nichts werden würde. Der Fährbetrieb war bereits eingestellt. Also machten sie sich wieder auf den Weg zurück, den ich gekommen war, zur nächsten Oderbrücke.

Ich blieb noch.

Das graue Haus hatte mich neugierig gemacht. Von der anderen Seite sah es noch eigenartiger aus. Vor dem Gebäude standen Barhocker oder hohe Stühle, offenbar frisch gestrichen. Die Treppen führten deutlich erhöht zu den Türen, wahrscheinlich wegen des Hochwassers. Dazwischen Pflanzen, alte Mauern, Dinge, die ihren Platz offenbar schon lange hatten.
Es war nicht verlassen.
Einmal sah ich einen älteren Mann über den Hof huschen. Nur kurz. Dann war er die Treppe hinauf und im Haus verschwunden.
Ich fragte mich sofort, wie lange er dort schon wohnte. Vielleicht waren in diesem Haus nach dem Krieg Kinder groß geworden, hatten auf dem Hof gespielt, waren irgendwann fortgezogen und kamen nur noch zu Weihnachten oder gar nicht mehr. Vielleicht war der alte Mann am Ende geblieben. Vielleicht war alles ganz anders. Ich wusste ja nicht einmal seinen Namen.
Aber das Haus brachte solche Gedanken hervor.
Denn auch hier sah für mich alles nach Brandenburg aus. Das Haus, die Nebengebäude, der Hof, die Bäume. Ich hätte das irgendwo bei Gransee ebenso fotografieren können. Und gleichzeitig wusste ich, dass hier seit achtzig Jahren polnische Menschen lebten, Kinder bekamen, alt wurden und irgendwann starben.
Manchmal komme ich mit diesem Wechsel in der Neumark im Kopf nicht hinterher. Die Häuser helfen dabei auch nicht.

Ich ging wieder hinauf zur Kirche.

Die alten Treppenstufen waren teilweise mit Gras überwachsen. Sie sahen nicht so aus, als würden täglich viele Menschen diesen Weg nehmen. Oben war der Turm frisch gestrichen und saniert, während das Kirchenschiff noch seinen grauen Putz trug. An einer Tür blieb mein Blick an einem alten Griff hängen. Die Nachmittagssonne fiel auf die Wand, daneben lagen bereits die ersten Bereiche im Schatten.

Dann sah ich den Stein.

Viel war von einem Friedhof nicht zu erkennen. Kein Feld alter Grabsteine, keine Reihe deutscher Namen. Nur dieses eine Grabmal.

Friedrich Falckenberg.

Dorfschulze von Güstebiese, gestorben 1812.

Darunter eine schwarze Platte, 1999 angebracht:

DEN TOTEN VON GÜSTEBIESE ZUM GEDENKEN

Jemand hatte Kastanien auf den Stein gelegt.

Vielleicht Kinder. Vielleicht jemand nach einem Gottesdienst. Vielleicht hatte sich jemand ganz bewusst hierhergestellt und an jene Menschen gedacht, deren Namen heute kaum noch irgendwo im Ort stehen.

Ich wusste es nicht.

Aber ich blieb an diesem Satz hängen.
Den Toten von Güstebiese.
Welchen Toten?
Den Menschen, die hier jahrhundertelang lebten und auf diesem Kirchhof begraben wurden? Den deutschen Bewohnern, die 1945 fortmussten? Den Gefallenen? Denen, die später irgendwo in Mecklenburg, Brandenburg oder noch weiter westlich starben und Güstebiese bis zuletzt im Kopf behielten?
Je länger ich darüber nachdachte, desto seltsamer fand ich diese unbestimmte Formulierung. Man gedachte der Toten – aber man sagte nicht, wer sie waren. Als hätte selbst die Erinnerung noch Angst davor, die Geschichte beim Namen zu nennen.

Warum schrieb man nicht einfach, wen man meinte?
Vielleicht war die Tafel gut gemeint. Wahrscheinlich sogar sehr gut.
Ich blieb an diesem einen Wort hängen: Güstebiese. Im ganzen Ort hatte ich den Namen bis dahin nirgends gelesen. Nicht am Museum, nicht an der Fähre, nicht auf den Tafeln. Erst hier, auf einem alten Grabstein, war er plötzlich wieder da.
Fast so, als dürfte der alte Name nur noch bei den Toten vorkommen.
Das fand ich schwer auszuhalten. Denn unten standen noch die Häuser. Die Kirche stand noch da. Die Höfe, Mauern und Treppen waren noch da. So vieles von Güstebiese war überhaupt nicht verschwunden.
Das Licht stand inzwischen tiefer und zog lange Schatten über die Mauern.
Dann fuhr ich weiter nach Süden.