Wendezeit

Wolken und Sonnenlicht über dem Greifswalder Bodden vor Mönchgut auf Rügen.

Es war einer dieser Tage, an denen der Sommer noch nicht gegangen ist und doch schon etwas von seiner Macht verloren hat. Das Licht stand tiefer über den Zickerschen Bergen, Regen zog über das Land, die Wege waren dunkel und schwer, und über den Wiesen lag jene erste Unruhe des Spätsommers, die weniger mit Kälte als mit Ahnung zu tun hat. Noch war August. Noch flogen oben über den Hügeln die Schwalben, schnell und leicht durch den grauen Himmel, als wollten sie den Sommer festhalten. Und doch genügte ein Windstoß über den Höhen, um zu wissen, dass sich etwas verschoben hatte. Vielleicht sind Wendezeiten immer so. Das Alte ist noch da, obwohl es seine Selbstverständlichkeit verliert. Das Neue ist bereits zu spüren, ohne dass jemand sagen könnte, welche Gestalt es annehmen wird. Und plötzlich steht man nicht mehr an derselben Stelle wie zuvor.

Wir gingen mit Frank Westphal über die Höhen bei Groß Zicker. Robert und Elli waren dabei. Elli erwartet eine Tochter. Auch darin lag an diesem Nachmittag etwas von diesem Übergang: Zwei Menschen, die ich seit Jahren kenne, gehen denselben Weg wie früher und doch bereits in ein anderes Leben hinein.

Die Schafe waren an diesem Tag nicht bei uns auf den Höhen. Sie standen zwischen Groß Zicker und Thiessow auf den Wiesen hinter dem Deich, dem Regen ausgesetzt, als gehörte auch er einfach zum Lauf der Dinge.

Frank ging voraus, blieb stehen, zeigte auf eine Senke, einen Hang, ein Stück Land.

Und nannte Namen.

Alte Flurnamen, die hier noch immer irgendwo vorhanden sind, obwohl sie auf keiner touristischen Tafel stehen und wohl auch in keinem Prospekt auftauchen werden. Namen, die von den Alten weitergegeben wurden, von Menschen, die dieses Land nicht besucht, sondern auf ihm gearbeitet hatten. Für sie war eine Wiese nicht einfach eine Wiese und ein Hang nicht irgendein schöner Aussichtspunkt. Die Namen gliederten das Land. In ihnen blieben Arbeit, Erfahrung und Erinnerung bewahrt.

Frank kennt diese zweite Karte noch.

Er kennt auch die andere, kleinere Karte, die auf dem Friedhof liegt. Die Namen auf den Steinen sind ihm vertraut wie die Namen der Felder – manche gehören zur selben Familie, manche zur selben Generation, manche zu Menschen, die ihm die Flurnamen einst beigebracht haben. Wer ein Land sechs Generationen lang bewohnt, trägt am Ende beide Karten in sich: die der Arbeit der Lebenden und die der Toten, deren Namen und Geschichten in dieser Landschaft geblieben sind.

In der Nähe eines Waldstücks erzählte er uns, dass dort noch Spuren der früheren Weidewirtschaft zu erkennen seien. Die Generation seines Vaters hatte hier noch Vieh gehalten. Heute stehen Bäume.

Eine Landschaft verändert sich auch dann, wenn niemand von Veränderung spricht. Was einmal offen war, wächst zu. Was genutzt wurde, fällt aus der Erinnerung. Erst bleibt eine Spur im Boden, dann vielleicht nur noch eine Geschichte, die einer kennt und einem anderen erzählt.

Manchmal frage ich mich, wie lange solche Karten bestehen, wenn diejenigen verschwinden, die sie im Kopf tragen.

Während wir gingen, musste ich an ein Wort denken, das seit einiger Zeit für einen Teil dieser Gegend verwendet werden soll: Südostsee.

Ein Wort, wie es wohl nur in Sitzungsräumen entstehen kann.

Man kann einer Landschaft neue Namen geben. Man kann Marken bilden, Regionen zusammenfassen, Wörter suchen, die sich gut auf Webseiten, Schildern und Prospekten machen.

Und man kann die Namen einer Landschaft kennen.

Das ist nicht dasselbe.

Groß Zicker braucht keinen neuen Namen. Mönchgut braucht keinen neuen Namen. Die Zickerschen Berge brauchen keinen neuen Namen. Sie haben Namen, Geschichten und Erinnerungen genug. Vielleicht fehlt uns heute weniger eine neue Bezeichnung für die Landschaft als die Geduld, die alten wieder zu hören.

Auch anderswo wird in diesen Wochen neu benannt und neu sortiert.

An Laternen und Verkehrsschildern kleben politische Botschaften. Wahlplakate stehen an den Straßen. Manche sprechen von Aufbruch, andere von Sorge. Freunde erzählen von Veranstaltungen, von Menschenmengen, von einer Stimmung, die sie lange nicht erlebt haben. Andere fragen sich, wohin das alles führen wird. Die Stimmen werden lauter, die Gräben tiefer.

Man muss nicht jeden Namen nennen, um zu merken, dass im Land gerungen wird.

Auch das ist eine Wendezeit. Nicht weil schon feststünde, was sich durchsetzt, sondern weil es noch offen ist.

Der Sommer weiß, was nach ihm kommt. Wir wissen es nicht.

Am Bakenberg hinter Groß Zicker blieben Frank und Robert lange stehen. Vor ihnen das Kreuz, dahinter die Ferne. Für eine Weile schauten beide hinaus, ohne dass es viel zu sagen gegeben hätte.

Unten lagen die nassen Wiesen.

Irgendwo dahinter die Schafe.

Über uns noch immer Schwalben.

Auf den Höhen bei Groß Zicker war an diesem Nachmittag alles gleichzeitig vorhanden: das Gewordene, das Vergehende und das Kommende.

Frank mit den Namen der Alten. Robert und Elli mit einem Kind, das noch nicht geboren ist. Der Wald dort, wo einst Vieh weidete. Und über den Hügeln noch immer die Schwalben.

Dazwischen unsere Gegenwart, die sich neue Begriffe ausdenkt und alte Gewissheiten verliert.

Martin Heidegger schrieb einmal, Wohnen im eigentlichen Sinn bedeute, Erde und Himmel, die Göttlichen und die Sterblichen in ihrem Zusammenhang zu bewahren. Man könnte einwenden, dass ein Philosoph aus dem Schwarzwald wenig über die Höhen von Groß Zicker zu sagen hat. Und doch musste ich dort an ihn denken.

Frank kennt die Erde in ihren Namen. Er liest Wind und Wetter, kennt die Geschichten derer, die vor ihm hier lebten, und steht am Bakenberg vor einem Kreuz, ohne dass alles erklärt werden muss. Seit sechs Generationen lebt seine Familie in dieser Landschaft. Vielleicht ist Wohnen tatsächlich mehr als ein Haus und eine Adresse. Vielleicht heißt es, in einem Geflecht aus Landschaft, Erinnerung, Arbeit und Vergänglichkeit seinen Ort zu kennen.

Als wir wieder auf dem Hof waren, machte ich noch ein Foto von Frank. Seine Frau fragte mich, ob ich denn immer noch etwas Neues an ihm entdecke.

Vielleicht entdeckt man das Neue manchmal erst im Vergleich. Ein Gesicht verändert sich langsam, eine Landschaft ebenso. Im Alltag fällt es kaum auf. Erst wenn man die Fotografien der Jahre nebeneinanderlegt, sieht man, was hinzugekommen ist, was verschwunden ist und was geblieben ist.

Mit Menschen ist es vielleicht wie mit Landschaften. Man glaubt sie zu kennen. Und doch sind sie nie ganz auserzählt.

Vielleicht beginnt Heimat dort, wo man einen Ort nicht nur bewohnt, sondern zu ihm gehört.
Wo Landschaft, Erinnerung und Leben noch zusammenfinden.
Wo jemand noch weiß, wie die Hügel, Täler und Brüche heißen – und wie er selbst heißt.