Vom alten Bahnhof in Siekierki fuhr ich weiter nach Süden, die Oder blieb irgendwo rechts von mir. Die Straße führte durch Kiefern und alte Alleebäume, dann lag da dieser Parkplatz, etwas abseits der Straße, und dahinter stand schon der Panzer. Man kann ihn kaum übersehen. Ein schwerer IS-2, auf einen grauen Sockel gestellt, gegenüber einer McDonald’s-Werbung, die drüben im Schilf stand. Hinter dem olivgrünen Ungetüm beginnt der große polnische Soldatenfriedhof Stare Łysogórki.
Schon beim ersten Blick sieht man der Anlage an, aus welcher Zeit sie stammt. Die Wege, die Symmetrie, die immer gleichen Kreuze, der gleichmäßige Bewuchs. Die Anlage trägt unverkennbar die Formensprache der sozialistischen fünfziger Jahre, in denen der Friedhof im Wesentlichen seine heutige Gestalt bekam: streng geordnet, monumental, der Einzelne tritt hinter der Gesamtheit zurück. Nichts ist zufällig. Alles folgt einer Ordnung.
Fast zweitausend polnische Soldaten liegen hier. Viele von ihnen starben in den Kämpfen um die Oder im Frühjahr 1945.
Ich ging zwischen den Reihen entlang und merkte dabei etwas, das vielleicht seltsam klingt.
Es waren nicht meine Toten.
Das ist keine Wertung. Ein toter polnischer Soldat ist nicht weniger tot als ein deutscher, und viele der Männer, die hier liegen, waren wahrscheinlich kaum älter als zwanzig. Trotzdem empfand ich hier anders als auf den deutschen Kriegsgräberstätten drüben im Oderbruch. Dort gibt es eine Nähe, die sich schwer erklären lässt. Namen, Sprache, Herkunft, vielleicht auch Familiengeschichten, die irgendwo in dieselbe Richtung führen.
Hier war diese Nähe nicht da.
Vielleicht gehört auch das zur Erinnerung: dass sie nicht gerecht verteilt ist. Dass man um Menschen trauern kann, die man nie gekannt hat, und anderen gegenüber still bleibt, obwohl ihr Schicksal nicht weniger schwer war.
Außer mir waren nur ein paar polnische Motorradfahrer auf dem Friedhof. Männer auf großen Maschinen, dem Alter nach vermutlich nicht mehr weit von der Rente entfernt. Sie gingen eine Weile zwischen den Gräbern umher, dann standen sie wieder bei ihren Motorrädern.
Sonst war niemand da.
Neben den Gräbern ist der Umriss Polens in den Boden gelegt. Kreuze markieren Orte, an denen die polnische Armee gekämpft hat. Die Toten von Stare Łysogórki stehen damit nicht allein für das, was hier an der Oder geschah. Sie werden Teil eines größeren Weges, der über Polen bis nach Deutschland führte.
An der Hauptstraße gibt es auch ein kleines Museum. Ich ging nicht hinein. In dieser Gegend begegneten mir an diesem Tag überhaupt erstaunlich viele Orte, an denen der Krieg noch einmal gesammelt, ausgestellt und erklärt wird. Kleine Museen, Denkmäler, Panzer, Tafeln. Manchmal wirkt es, als sei 1945 hier nicht einfach Vergangenheit, sondern noch immer eine eigene Schicht der Landschaft. Vielleicht hatte diese Erinnerung lange auch eine andere Funktion. Viele der Menschen, die nach dem Krieg hierherkamen, waren selbst Flüchtlinge oder Vertriebene. Sie hatten ihre Heimat in den an die Sowjetunion gefallenen polnischen Ostgebieten verloren und fanden sich nun in Häusern wieder, die anderen gehört hatten, in Orten mit fremden Namen, an einer Grenze, von der lange niemand wissen konnte, ob sie bleiben würde. Die Erzählung von der Rückkehr an die Oder war deshalb wohl nicht nur Propaganda. Sie konnte auch die Versicherung sein: Ihr seid jetzt hier zu Hause. Ihr müsst nicht noch einmal fort.
Ich fuhr weiter.
Nicht weit entfernt stand am Waldrand eine gewaltige steinerne Wand. Wieder die Umrisse Polens, wieder der Weg der Armee. Auf der anderen Seite steht in großen Buchstaben:
CHWAŁA BOHATEROM 1 ARMII WP.
Ruhm den Helden der 1. Polnischen Armee.
Dort bog ich ab.
Der Weg führte auf Schotter und Asche durch den Wald. Merkwürdigerweise hatte selbst dieser kleine Weg einen sauber angelegten Randstreifen, fast wie ein Bürgersteig. Vielleicht war hier früher mehr Betrieb. Vielleicht kamen an Gedenktagen Busse, Schulklassen, Veteranen. Heute war davon nichts zu sehen.
Und dann wurde der Wald plötzlich wichtiger als all die Denkmäler.
Der Hang zur Oder ist dort dicht bewachsen. Alte Buchen stehen zwischen Kiefern und anderem Laubholz, manche Bäume gerade, andere schief in den Abhang gewachsen. Zwischen den Stämmen steht hohes Gras, und an diesem Tag fiel das Licht besonders schön auf den Boden. Weiter unten liegt die Wiese, darin noch die Pfützen des vergangenen Hochwassers, dahinter die Oder.
Auf der deutschen Seite gibt es diese Höhe nicht.
Dort beginnt hinter dem Fluss das Oderbruch und zieht sich flach weiter. Kilometerweit. Vielleicht fällt einem der Unterschied erst so richtig auf, wenn man von der alten neumärkischen Seite darauf hinunterschaut.
Am Hang steht ein hölzerner Unterstand, den man leicht für einen alten Bunker halten kann. Tatsächlich ist er eine spätere Rekonstruktion eines Beobachtungspunktes der polnischen Artillerie von 1945. Ich stellte mich hinein und sah durch die Öffnung hinaus.
Deutschland.
So banal kann ein Blick sein.
Ein Fluss, Wiesen, Baumreihen, ein Auto am anderen Ufer.
Jemand hatte dort sein Boot zu Wasser gelassen. Später sah ich es auf der Oder fahren. Wahrscheinlich ein Angler. In der ganzen Woche, die ich am Oderbruch unterwegs war, war es eines der ganz wenigen Boote, die ich überhaupt auf dem Fluss gesehen habe. Vielleicht sogar das einzige, soweit ich mich erinnere, das wirklich auf dem Fluss fuhr.
Auch das erstaunte mich immer wieder.
Die Oder ist ein großer Fluss. Auf der Karte eine Linie, in der Geschichte eine Grenze, über Jahrhunderte Verkehrsweg, Handelsweg, Lebensader. Heute ist sie zugleich Grenze – und wenn man dort steht, über weite Strecken beinahe leer.
Auf der deutschen Seite standen lange Reihen hoher Pappeln. Dahinter Windräder.
Sehr viele Windräder.
Vom polnischen Oderhang aus wirkten sie noch auffälliger als sonst. Sie standen in Reihen am Horizont, eine hinter der anderen, bis man sie nicht mehr als einzelne Anlagen wahrnahm.
Ich musste an Isengart denken.
An diese Welt Sarumans aus Maschinen, Rädern und Industrie, gegen die irgendwann die Ents aus dem Wald ziehen. Vielleicht ein etwas alberner Gedanke. Aber von dort oben sahen die Windräder tatsächlich wie eine fremde Armee aus, die sich über die Ebene verteilt hatte.
Der Wald auf dieser Seite, die Oder unten, die Wiesen und Pappeln dahinter – und dann diese weißen Maschinen am Horizont.
Sie passten für mich nicht hinein.
Ich blieb noch eine Weile dort oben. Unten auf der Oder war noch immer der deutsche Angler in seinem Boot zu sehen. Dahinter das flache Oderbruch, die Pappelreihen und am Horizont die Windräder.
Es war schwer, sich vorzustellen, was hier achtzig Jahre zuvor geschehen war. Vielleicht gerade deshalb, weil der Fluss an diesem Nachmittag so friedlich dalag. Es war dieses seltene Gefühl, weit weg zu sein – weit weg von Menschen, Trubel und Hektik.





















