Schleswig-Holstein

Ratzeburg im Winter

Der Ratzeburger Dom von der Seeseite aus mit Spiegelung im See

Ratzeburg im Winter, Mitte Februar. Ratzeburg liegt auf einer Insel. Das Wasser hält die Stadt zusammen und hält sie gleichzeitig auf Abstand. An diesem Februartag stand ein graues Licht über dem See, und manchmal riss die Wolkendecke kurz auf – kein großes Leuchten, eher ein vorsichtiges Aufhellen, das kam und wieder verschwand. Die Sonne fiel auf das gelbe Rathaus, auf die roten Dächer, auf den Dom. Dann war sie wieder weg.
Am Ufer liegt ein Fischerbetrieb. Boote, Steg, Anleger, Gerät. Daneben betreibt die Familie ein Restaurant.
Das Rathaus ist gelb, fast unwirklich in dieser Jahreszeit. Es war früher eine Gelehrtenschule; über dem Eingang steht noch der lateinische Spruch. Dass Karl Adam hier ab 1948 Physik und Sport unterrichtet hat, bevor er den Ratzeburger See zur Ruderstrecke machte, ist eine der stilleren Pointen dieses Gebäudes. Am Ufer stehen Bootshäuser, Stege, Anleger – im Februar leer und still, aber das Wasser sieht trotzdem nach Bewegung aus. Von 1959 bis 1967 gewann sein Deutschland-Achter sieben Titel bei Welt- und Europameisterschaften, dazu Olympiagold in Rom 1960 und in Mexiko 1968. Trainer aus aller Welt kamen nach Ratzeburg, um zu verstehen, was hier passiert war. Im Februar sieht man davon wenig. Nur die Anlagen, das Wasser, die Stille.
Am Kreuzgang des Doms hält sich eine Bronzefigur an der Außenwand – Ernst Barlachs „Der Bettler“, 1930 entstanden, ein Nachguss, 1979 hier aufgestellt, Schenkung der Familie. Die Figur schaut aufwärts, schmal, ohne Überfluss. Barlach hat seine Kindheit in Ratzeburg verbracht und das Haus neben St. Petri sein Leben lang als sein Vaterhaus bezeichnet. Dass seine Figur nun am Dom steht, hat etwas von einer Rückkehr, die er selbst nicht mehr erlebt hat.
Auf dem Friedhof lag Rauhreif im Gras. Wege, Mauern, alte Steine. Auf einem Grab, halb im Laub, ein Porzellanmedaillon mit dem Gesicht einer Frau – schwarzweiß, Fünfziger Jahre vielleicht, die Haare hochgesteckt. Kein Name zu sehen. Nur das Gesicht.

Der Dom steht auf der Domhalbinsel, schwer und ruhig, ein romanischer Backsteinbau, um 1220 vollendet. Aber er beginnt früher. Auf der heutigen Altstadtinsel hatten die slawischen Polaben ihr Hauptheiligtum, bevor die Christen kamen – der Bau des Doms an genau dieser Stelle war kein Zufall. Den Fürsten, der zuvor hier residiert hatte, nannten die Polaben Ratibor, kurz Ratse; aus seiner Burg wurde Racesburg, aus Racesburg Ratzeburg. Gegründet hat das Bistum dann Heinrich der Löwe – der Welfe aus Braunschweig, Herzog von Sachsen und Bayern, der in diesem Jahrhundert halb Norddeutschland organisiert hat. Lübeck, München, Ratzeburg: alles in dieser Epoche, alles Teil desselben Ausgreifens nach Osten und Norden. Ein Fenster im Dom zeigt ihn mit seiner Frau Mathilde, Plantagenet-Tochter, er hält das Kirchenmodell in der Hand. Wer hier gebaut hat und wessen Wille das war, steht im Glas. Davor der Altar, vergoldet, vollständig. Das Gewölbe darüber schlicht verputzt, die Rippen laufen sternförmig zusammen. Keine barocke Bewegung und ewige Dauer.

Ratzeburg ist historisch keine einfache Stadt. Die Altstadt gehörte zu Sachsen-Lauenburg, die Domhalbinsel nach dem Westfälischen Frieden zu Mecklenburg – und weil die Güstrower Linie 1701 ausstarb, landete sie als abgetrenntes Exklavenstück bei Mecklenburg-Strelitz, ohne Landverbindung zum Kernland. Politisch wurde die Domhalbinsel erst 1937 Schleswig-Holstein zugeschlagen. Kirchlich blieb der Dom noch bis 2017 mit Mecklenburg verbunden. Die Grenze verlief nicht draußen am Horizont, sondern mitten durch die Stadt.
In der Innenstadt: Fachwerk, weiße Putzfassaden, rote Dächer. Und dann, nicht weit vom Ufer, das „Hubertus am See“ – Sichtbeton, rostbraune Fassadenstreifen, Panoramaverglasung, der Name in Frakturschrift. Typischer Vorwende-BRD-Charme. So muffig wie ein CDU-Parteitag. Das wurde so gebaut, jemand hat es entworfen, jemand hat es genehmigt. Der Krieg war da längst vorbei.
Am Ende blieb der Blick über das Wasser. Der See lag still, der Himmel spiegelte sich darin. Ratzeburg im Winter zeigt seine Geschichte nicht als große Erzählung, sondern als Schichtung: slawische Burg, Bistum, Lauenburg, Mecklenburg-Strelitz, Preußen, Rudersport, Westdeutschland. Und darüber ein Februartag mit wenig Sonne, aber genug Licht.

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