Mein erster Abend bei den Schafen

Bis zu diesem Abend hatte zwischen den Schafen und mir immer ein Draht gelegen. Man konnte darüber hinwegsehen, hindurchfotografieren, ihnen am Zaun folgen. Aber man blieb draußen. Dann stellte Frank Westphal den Strom ab und ließ mich auf die Weide. Ich weiß nicht mehr, ob er darüber viele Worte verlor. Wahrscheinlich nicht. Für mich war es trotzdem eine kleine Grenzüberschreitung.

Ich setzte mich ins Gras.

Die Schafe nahmen davon zunächst kaum Notiz. Einige fraßen weiter, andere zogen langsam über den Hang, schwarze Köpfe tauchten zwischen Rücken und Gras auf und verschwanden wieder. Ab und zu blieb eines stehen und sah herüber. Nach einer Weile verlor sich dieses Gefühl, irgendwo eingedrungen zu sein. Ich saß eben dort, und die Herde war um mich herum.

Der Tag hatte vorher wenig davon angekündigt. Über den Zickerschen Bergen lag lange ein matter, wolkiger Himmel. Unten in Gager war für eine Weile Sonne gewesen, am Hafen Licht auf dem Wasser, ein Segelboot, dieser kurze freundlichere Einschub in einen eher grauen Maitag. Später zog es mich wieder auf die Höhen.

Dort unten kann man Mönchgut ansehen. Von oben beginnt man es anders zu begreifen. Die Hügel fallen zum Bodden ab, Wege verlieren sich, hinter einer Kuppe erscheint schon die nächste, und irgendwo dazwischen stehen die Schafe und machen aus der Landschaft etwas anderes als bloße Aussicht.

Gegen Abend geschah dann doch noch etwas mit dem Licht. Unter den Wolken wurde der Horizont frei, weit draußen in Richtung Vilm, und die Sonne kam noch einmal durch. Nicht lange. Aber lange genug, um das Gras, die Rücken der Tiere und die Kanten der Hügel warm werden zu lassen.

Ich saß noch immer zwischen den Schafen.

Vielleicht erinnere ich mich deshalb so genau an diesen Abend. Nicht wegen eines einzelnen Fotos und auch nicht wegen des Sonnenuntergangs. Es war das erste Mal, dass ich nicht vor der Herde stand und auf sie sah.

Ich war drin.

„Twei Ähl Rasch un en Pund Wulle gifft eine gaude Padenhulle“
(zwei Ellen Rasch und ein Pfund Wolle gibt eine gute Patenmütze)

Mönchguter Sprichwort