Wir kamen gegen Mittag auf dem Pommernhof an. Christian kam uns gerade mit dem Geländewagen entgegen, hinten der Transportanhänger für die Schafe. Auf dem Hof hatte die Deckzeit begonnen. Frank nahm uns mit in den Stall. Die Schafe waren bereits vorsortiert, die Gruppen zusammengestellt, bei ihnen die jeweiligen Böcke. Was im kommenden Frühjahr auf den Weiden zu sehen sein wird, beginnt hier schon im September. Wenig später würden wir oben in den Zickerschen Bergen stehen.
Fotos habe ich davon an diesem Tag keine gemacht. Die Kamera blieb im Stall im Rucksack.
Christian kam später zurück. Irgendwann standen wir zu viert auf dem Hügel über dem Pommernhof. Für das Hoffest am 23. September wollten wir noch ein kurzes Ankündigungsvideo drehen. Unter uns lagen die Gebäude des Hofes; zwei der Dächer warfen das Sonnenlicht zurück. Dahinter Felder, Bodden, Hügel.
Frank und Christian mussten wieder hinunter zum Hof. Robert und ich hatten keinen Grund, ihnen zu folgen und gingen dem Weg weiter durch die Zickerschen Berge.
Es war Anfang September, und auf den Wegen waren auffallend mehr Menschen unterwegs als noch im Sommer. Paare kamen uns entgegen, einzelne Wanderer standen auf den Höhen. Man grüßte sich. Manchmal ein paar Worte, dann ging jeder seines Weges.
Das Licht hielt an diesem Tag nirgends lange. Wolken liefen über den Bodden und zogen große Schatten über die Hügel. Eben noch lag eine Wiese hell vor uns, während der Hang daneben schon wieder dunkel wurde. Das Gras war gelb, darüber dieser schnelle Wechsel von Sonne und Wolken, und manchmal genügte ein einzelner Baum, um zu sehen, wie weit die Landschaft an diesem Tag geworden war.
Auf dem Wasser standen einige Segel. Ein Schiff der Küstenwache zog vorbei. Thiessow lag gegenüber, weiter draußen waren der Ruden und sein kleiner Turm klar zu erkennen. Auch die Greifswalder Oie stand deutlich am Horizont. In der anderen Richtung ragte das Jagdschloss Granitz über den Wald.
Unten lagen die weißen Häuser und Reetdächer von Groß Zicker.
Von oben konnte man auch den Acker sehen, über den wenige Tage zuvor noch der Traktor gefahren war, als die Schafe umgesetzt wurden. Inzwischen war der Stoppelsturz gemacht. Die Fläche hatte schon wieder eine andere Farbe.
Früher hätte ich wahrscheinlich nur auf Bodden, Hügel und Himmel geschaut. Inzwischen sehe ich auch, ob ein Acker vor ein paar Tagen noch Stoppel trug.
Von oben kann man leicht vergessen, dass diese Landschaft nicht nur schön aussieht. Unten wird gearbeitet. Tiere werden sortiert und umgesetzt, Zäune gezogen, Flächen bearbeitet. Ein Feld sieht am Sonntag anders aus als am Mittwoch, und im September wird bereits an das Frühjahr gedacht.
Dann geht man einen Hügel weiter, und davon ist kaum noch etwas zu sehen.
Irgendwann lag das Nonnenloch vor uns. Auf der Bank oberhalb der Treppe zum Strand saßen zwei junge Frauen und hielten Brotzeit. Sie saßen dort, schauten über das Wasser und ließen sich Zeit.
Robert war erst am späten Samstagnachmittag aus Berlin zurückgekommen. Die Zen-Veranstaltung hatte bereits am Freitag begonnen und bis Sonnabendnachmittag gedauert. Er hatte in Kreuzberg bei einem befreundeten Mönch übernachtet; weitere Mönche waren angereist, auch aus dem Ruhrgebiet. Keine vierundzwanzig Stunden später liefen wir durch die Zickerschen Berge und sprachen über Kreuzberg.
Über die Straßen, die Häuser, die Menschen, über diese Dichte einer Stadt, die auch dann nicht verschwindet, wenn man selbst versucht, still zu werden.
Hier musste man die Ruhe nicht erst herstellen.
Immer wieder blieben wir stehen, weil das Licht auf einen anderen Hang fiel oder sich hinter der nächsten Kuppe wieder Wasser öffnete. Ich fotografierte, Robert schaute oder wartete. Kreuzberg war noch keine vierundzwanzig Stunden her und schien doch schon weit weg.
Hinter dem Nonnenloch führt eine Treppe hinunter zum Strand. Wir gingen an den beiden jungen Frauen vorbei, die Stufen hinab und fanden unten, halb hinter einem gewaltigen Findling verborgen, eine kleine Bank.
Dort blieben wir bestimmt zwei Stunden.
Der Wind hatte das Wasser aufgeschoben. Der Strand war vollständig nass, die Wellen liefen über Sand und Steine und zogen sich wieder zurück. Oben auf den Hügeln hatte vieles noch nach spätem Sommer ausgesehen. Unten am Wasser hörte es sich schon anders an.
Zwei Stunden sind lang genug, um von Berlin und Zen irgendwann bei Ostdeutschland, Politik und der Frage zu landen, warum Menschen dieselben Dinge sehen und trotzdem zu völlig verschiedenen Schlüssen kommen. Wir sprachen darüber, was eine Gesellschaft zusammenhält und was geschieht, wenn sie sich darüber immer weniger verständigen kann.
Es war auch der Tag der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Am Abend würden wieder Hochrechnungen über die Bildschirme laufen, Balken wachsen und schrumpfen und Menschen erklären, warum alles genau so gekommen war. Bis dahin saßen wir am Wasser.
Vor uns kamen die Wellen aus Südwesten, aus Richtung Palmer Ort und Insel Riems. Neben uns lag ein tonnenschwerer Findling, fast so groß wie wir selbst, der vermutlich schon dort gelegen hatte, als von unseren heutigen Aufregungen noch nichts zu ahnen war. Oben strich der Wind durch die Bäume.
Es tat gut, dort zu sitzen.
Nichts von dem, worüber wir gesprochen hatten, war dadurch erledigt. Aber nach zwei Stunden am Wasser standen die Dinge nicht mehr ganz so dicht vor einem.
Als wir schließlich wieder die Treppe hinaufstiegen, war die Bank am Nonnenloch leer. Auf den Hügeln waren noch immer Wanderer unterwegs. Ein Paar kam uns entgegen, weiter hinten standen Menschen auf einer Kuppe. Wieder fiel Sonne auf eine Wiese, während daneben schon der nächste Schatten über das Gras zog.
Unten glänzte die Ostsee im Licht.
Wir blieben noch einmal stehen.
Es war der 6. September. Noch Sommer, jedenfalls dem Kalender nach.
Über den Zickerschen Bergen sah es schon ein wenig anders aus.























