Als der Winter nach Rügen kam

Nach Weihnachten sehe ich die Bilder vom Winter auf Rügen wieder.

Vier Wochen sind kaum eine Zeit, und doch kommt mir der November darin schon weit entfernt vor. Vielleicht liegt es an Weihnachten, das die Wochen davor so rasch in ein vergangenes Jahr schiebt. Vielleicht auch nur daran, dass Wetter sich schlechter erinnern lässt als ein Gesicht. Man weiß noch, dass es kalt war, aber nicht mehr, wie das Licht an einem bestimmten Nachmittag über einem Feld stand.

Am 25. November war ich auf Jasmund unterwegs.

An einem kleinen Wasser zwischen Schilf und kahlen Bäumen lag schon etwas Schnee. Nicht genug, um die Landschaft winterlich zu machen. Das Braun des vergangenen Sommers war noch überall. Schilf, dürres Gras, die letzten Blätter. Am Ufer stand ein alter Ansitz, dunkel und etwas schief. Solche einfachen Dinge gehören seit meiner Kindheit zu dieser Landschaft. Man bemerkt sie kaum, solange sie da sind.

Weiter oben lag ein abgeerntetes Feld. Die Stoppeln zeichneten lange Reihen über den Boden, darüber flogen Möwen. Im Hintergrund der kahle Wald und darüber ein Himmel, der beinahe zu schwer für das schmale Stück Land darunter schien. Ende November können die Wolken auf Rügen sehr tief kommen. Das Licht fällt dann nicht mehr über die Landschaft, sondern sucht sich einzelne Stellen aus.

Ein Stück weiter war der Wald bereits vom ersten Schnee berührt. Auf der Wiese lag nur eine dünne Decke, dahinter standen die Buchen fast ohne Laub. Ein paar Fichten hielten ihr dunkles Grün dagegen. Über allem wieder diese schweren Wolken.

Solche Tage haben keine eindeutige Jahreszeit mehr. Der Herbst ist noch sichtbar, der Winter aber bereits da.

Am Weg stand auch dieses alte Haus.

Die Fenster dunkel, der Putz müde, davor Bäume, die längst größer geworden waren als das Gebäude selbst. Ich weiß nicht, wie viele Menschen dort einmal ein und aus gingen. Bei verlassenen Häusern denke ich selten zuerst an ihren Verfall. Eher daran, dass morgens einmal jemand diese Tür geöffnet haben muss. Dass aus einem Fenster Licht kam. Dass jemand Holz hereintrug, Wäsche aufhing, sich ärgerte, wartete, schlief.

Später bleiben ein Dach, ein paar Fenster und eine Satellitenschüssel.

Häuser brauchen länger zum Verschwinden als die Menschen, die in ihnen lebten.

Am nächsten Tag war ich auf Mönchgut.

Dort lag noch kein Schnee. Über den Hügeln schoben sich große Wolken vom Bodden herüber, dunkel an ihren Rändern und vom tiefen Licht durchbrochen. Ende November ist der Himmel dort manchmal größer als das Land.

Auf einer der Weiden stand eines der Pommernschafe allein vor dem Bodden. Schwarzer Kopf, schwere graue Wolle, dahinter Wasser und das ferne Ufer. Ich habe viele dieser Tiere fotografiert, aus der Nähe, in der Herde, bei den Lämmern, im Sommer und im Winter. Dieses Bild ist mir geblieben.

Vielleicht weil das Tier nichts tut.

Es steht einfach dort.

Die Wolle ist vom Jahr gezeichnet, nicht mehr frisch und hell. Wind, Regen und die Monate auf der Weide stecken darin. Das Schaf blickt hinaus, wohin auch immer. Für einen Augenblick besitzt es die ganze Landschaft hinter sich.

Später standen die Tiere oben auf einem Hügel. Nur ihre dunklen Körper zeichneten sich gegen den helleren Himmel ab. Einer fraß, andere gingen langsam weiter. Das Mönchgut kann in solchen Augenblicken sehr alt aussehen. Nicht museal, nicht so, wie man sich eine vergangene Landschaft nachbaut. Eher, weil Schafe, Wind und ein Hügel nicht viel brauchen, um miteinander auszukommen.

Zwei Tage danach war auch dort Winter.

Vom hohen Land sah ich hinaus über den Greifswalder Bodden. Schnee lag auf den Ufern und den Feldern gegenüber. Mitten im Wasser stand die alte Entmagnetisierungsstation.

Dieses seltsame Bauwerk hat mich schon oft beschäftigt. Beton im Wasser, für einen bestimmten Zweck errichtet, der irgendwann verloren ging. Nun steht es dort und gehört keinem unserer üblichen Begriffe mehr recht an. Kein Schiff, keine Insel, kein Haus.

Der Bodden hat es längst aufgenommen.

Menschen bauen solche Dinge immer für die Gegenwart. Sie rechnen mit Nutzen, Aufgabe, Jahren. Die Landschaft rechnet anders. Irgendwann ist die Funktion vergessen und nur die Form bleibt. Schnee liegt darauf, Kormorane oder Möwen sitzen vielleicht auf dem Dach, Wasser schlägt gegen die Mauern.

Mit genügend Zeit wird selbst Beton Teil einer Erinnerung.

Auf den Weiden hatten die Pommernschafe inzwischen Schnee in der Wolle. Eines stand vor dem grauen Bodden, hinter ihm weitere Tiere, unscharf über den Hang verteilt. Ein anderes kam nahe heran und sah direkt in die Kamera. Schnee klebte zwischen den Locken am Hals und auf der Stirn. Diese Wolle, die im Sommer beinahe zu warm erscheint, hatte plötzlich ihren Sinn vor Augen.

Ein Schaf lag im Schnee und sah zu mir herüber. Auf seinem Kopf hatte sich eine kleine weiße Haube gesammelt. Die trockenen Halme ragten noch durch die Schneedecke. Nichts daran war feierlich. Die Tiere standen, fraßen oder lagen wie an jedem anderen Tag.

Der Winter war gekommen. Mehr war für sie offenbar nicht geschehen.

Über den Weiden zogen Vögel.

Erst eine große, lockere Formation hoch im blassen Himmel. Später drei weiße Schwäne, von unten gesehen, die Flügel weit ausgebreitet. Bei Vögeln wird einem die Größe der Insel bewusst. Rügen liegt nicht nur zwischen Land und Meer. Über uns verlaufen Wege, die keine Straße kennt.

Ich blieb stehen und sah ihnen nach.

Man tut das bei ziehenden Vögeln fast immer, obwohl man weiß, dass man nichts erfahren wird. Woher sie kommen, wo sie am Abend sein werden. Für einige Sekunden schaut man einem Leben hinterher, das mit dem eigenen nichts zu tun hat.

Am Bodden brach später Licht durch die Wolken. Das Wasser wurde an einer Stelle silbern, ringsum blieb es dunkel. Ein Baum stand schwarz davor.

Es sind oft nur Minuten.

Darum trägt man eine Kamera.

Nicht um den Augenblick festzuhalten – das kann sie nicht. Aber um später zu wissen, dass er stattgefunden hat.

Die Herde stand inzwischen geschlossen im Schnee. Braune und graue Wolle, schwarze Köpfe, dahinter der weiße Waldrand. Manche Tiere sahen herüber, andere kümmerten sich nicht um mich. In der Gruppe verlieren sie nichts von ihrer Eigenart. Wer länger bei einer Herde steht, merkt schnell, wie verschieden Schafe schauen, gehen, ausweichen, Nähe suchen oder Abstand halten.

Von weitem sieht man eine Herde.

Aus der Nähe sieht man Tiere.

Am Abend wurde der Himmel über Mönchgut heller. Schnee lag auf den Hügeln, dahinter der Bodden und das gegenüberliegende Land. Blau kam zwischen den Wolken hervor, ein wenig Rosa darin. Die Farben eines Winterabends halten sich nicht lange. Schon während man sie betrachtet, verändern sie sich.

In Groß Zicker lag Schnee auf dem mächtigen Rohrdach des Pfarrwitwenhauses.

Ich kenne dieses Haus seit vielen Jahren. 1720 wurde es gebaut; mehr als drei Jahrhunderte stehen in diesen niedrigen Wänden. An diesem Abend leuchtete warmes Licht am Eingang. Der Schnee machte das Dach noch größer, fast schwerer als das Haus darunter.

Dreihundert Winter.

Die Zahl lässt sich leicht hinschreiben. Vorstellen kann ich sie mir nicht.

Wie viele Menschen müssen dort durch den Schnee zur Tür gegangen sein. Wie oft wird Wind vom Zicker See durch die Bäume gefahren sein. Wie viele Male wurde es früh dunkel, saß jemand hinter den kleinen Fenstern und wartete auf den Frühling.

Geschichte steckt manchmal besser in einem alten Dach als in einem Denkmal.

Am folgenden Tag fuhr ich wieder nach Jasmund, zum Torfmoor bei Lancken.

Nun fiel dichter Schnee.

Ein kahler Baum stand mitten zwischen braunem Schilf, jede seiner Äste auf einer Seite weiß gezeichnet. Dahinter verschwanden die Wälder langsam im Schneefall. Es war kein spektakulärer Ort und gerade deshalb blieb ich länger.

Ein einzelner Baum kann im Winter genügen.

Ohne Laub sieht man plötzlich, wie er gebaut ist. Stamm, Ast, Verzweigung. Das ganze geduldige Werk vieler Jahre liegt offen.

Im Moor froren die Wasserflächen zu. Schnee lag auf den kleinen Inseln und zwischen den Halmen. An einigen Stellen blieb das Eis noch dunkel, als hätte das Wasser sich einen letzten Ausgang offengehalten.

Moore wirken im Winter still, aber diese Stille täuscht. Unter Schnee, Eis und abgestorbenen Pflanzen arbeitet etwas weiter. Wasser steht, Erde sinkt, Pflanzen vergehen. Die Landschaft ruht nicht. Wir nennen sie nur so, weil wir nichts davon hören.

Am ersten Dezember ging ich in die Stubnitz.

Nun war der Winter ganz da.

Schnee klebte an den Stämmen der Buchen und lag schwer auf den Ästen. Zwischen den Bäumen erschien plötzlich die Kreideküste. Weißer Wald, weiße Wand, darunter die graublaue Ostsee.

Ich kenne diesen Blick in vielen Jahreszeiten. Im Mai steht dort das junge Grün. Im Sommer verschließt das Laub manche Sicht. Im Herbst leuchtet der Wald über der Kreide. Nun waren alle Farben zurückgenommen.

Die Buchen selbst traten hervor.

Man sieht im Winter, wie verschieden ihre Stämme gewachsen sind. Einer teilt sich früh, ein anderer strebt gerade nach oben, andere lehnen sich zueinander oder vom Wind weg. Schnee blieb auf der Wetterseite ihrer Äste liegen und zeichnete jede Bewegung nach.

Dann kam die Sonne.

Draußen über der Ostsee öffneten sich die Wolken. Gelbes Licht fiel auf das Wasser. Wolken lagen in mehreren dunklen Schichten übereinander, dazwischen dieses warme Leuchten. Ein Wintertag kann stundenlang grau sein und sich dann für fünf Minuten verschwenderisch zeigen.

Auch die Buchen am Hochufer bekamen dieses Licht. Schnee lag auf ihren Ästen, dahinter die Ostsee, tiefblau und ruhig. Ein alter Stamm stand am Rand, sein Fuß im Schnee, die Zweige weit über dem Wasser.

An der Kreideküste wurde das Licht noch stärker.

Die weißen Hänge nahmen plötzlich Gelb und Ocker an. Schnee lag bis hinunter zum Strand. Darüber der kahle Wald, stellenweise noch braun vom letzten Laub. Das Meer war dunkel daneben.

Ich blieb lange dort oben.

Die Kreideküste wird im Sommer tausendfach fotografiert. Weißer Fels, grüner Wald, blaues Wasser. Im Winter verschieben sich die Gewichte. Die Bäume verlieren ihre Blätter, die Kreide verliert einen Teil ihres Weiß an den Schnee, das Meer wird dunkler. Man muss wieder hinsehen.

Vom Hochufer blickte ich später durch die schneebedeckten Buchen hinunter ins Wasser. Die See war tiefgrün unter mir. Auf den Ästen lag das letzte Sonnenlicht.

Es gibt Farben im Winter, die man im Sommer nicht bemerken würde.

Gegen Abend zog der Himmel wieder zu. Weit draußen lagen zwei kleine Schiffe auf dem Wasser. Über ihnen dunkle Wolken und einige hellere Fetzen, vom letzten Licht getroffen.

So klein waren die Boote unter diesem Himmel, dass ich an die alte Selbsttäuschung denken musste, der Mensch sei das Maß der Landschaft.

Vielleicht fotografiere ich deshalb so gern am Meer.

Es widerspricht einem.

Das letzte Bild dieses Tages zeigt drei Buchen am Hochufer. Schnee liegt an ihren Stämmen, dahinter nur noch die ruhige Ostsee und ein schmaler Horizont.

Mehr braucht das Bild nicht.

Als ich diese Aufnahmen jetzt nach Weihnachten wieder ansah, bemerkte ich erst, wie wenig Zeit zwischen ihnen liegt. Sechs Tage. Am Anfang braunes Schilf, Stoppelfelder und ein paar weiße Stellen im Gras. Dann Schnee auf den Schafen, auf dem alten Haus in Groß Zicker, im Moor. Schließlich die weiße Stubnitz über der Kreideküste.

Wir sprechen von Jahreszeiten, als kämen sie ordentlich nacheinander.

Die Landschaft hält sich nicht daran.

Manchmal genügt eine Nacht, und am Morgen steht man vor derselben Wiese, demselben Baum, demselben Haus – und muss wieder von vorn anfangen zu sehen.