Mit dem Nationalpark Jasmund auf der Insel Rügen verbindet mich mehr als nur die Fotografie. Als FÖJler durfte ich den Park bereits 2001 und 2002 kennenlernen. Das war eine andere Zeit. Das Nationalpark-Zentrum am Königsstuhl entstand damals erst. Ich habe den Aufbau und die Eröffnung miterlebt. Vieles wirkte noch im Werden. Der Nationalpark war zwar schon gegründet, aber manches von dem, was Besucher heute als selbstverständlich ansehen, musste erst entstehen.
Damals fiel häufig ein Begriff, der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist: die „Opferzone“. Gemeint war der Bereich rund um den Königsstuhl, in dem die Besucherströme gebündelt werden sollten, um die übrigen Teile des Nationalparks zu entlasten. Schon damals habe ich mich gefragt, ob dieser Begriff eigentlich der richtige ist. Warum sollte ein Nationalpark eine Opferzone brauchen? Mehr als zwanzig Jahre später sehe ich diese Frage kritischer als damals.
Dass es den Nationalpark Jasmund überhaupt gibt, ist Menschen zu verdanken, die in den bewegten Jahren nach 1989 Verantwortung übernommen haben. Zu ihnen gehören Michael Succow und Hannes Knapp. Ohne ihren Einsatz würden große Teile der Kreideküste und der alten Buchenwälder heute vielleicht anders aussehen. Mit dem UNESCO-Titel ist noch etwas hinzugekommen. Er schützt nicht nur, er wirbt auch. Ein Welterbe-Schild ist ein Versprechen. Es sagt: Hier gibt es etwas, das weltweit von Bedeutung ist. In Deutschland scheint dieses Versprechen besonders gut zu funktionieren. Man sieht es in Stralsund, in Weimar, in vielen alten Städten. Der Titel bringt Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit bringt Besucher.
In Karlskrona in Schweden habe ich das anders erlebt. Auch dort steht UNESCO-Welterbe auf den Schildern, aber selbst im Sommer bleibt die Stadt gelassener. Vielleicht liegt es an der anderen Urlaubskultur, an der Weite des Landes, an weniger Druck auf einzelne Orte. Vielleicht auch daran, dass in Deutschland aus fast jedem Prädikat schnell ein touristisches Produkt wird.
Für den Nationalpark Jasmund ist das eine schwierige Frage. Die alten Buchenwälder im Herzen des Parks gehören seit 2011 zum UNESCO-Weltnaturerbe. Damit wächst die Bedeutung des Gebietes, aber auch der Druck auf Wege, Aussichtspunkte, Küste und Wald.
Inzwischen kommen allein ins Nationalpark-Zentrum Königsstuhl und auf den Skywalk mehr als 400.000 Menschen im Jahr. Das ist eine Zahl, die man erst einmal stehen lassen muss. Mehr als 400.000 Menschen an einem Ort, der mitten in einem der empfindlichsten Schutzgebiete Mecklenburg-Vorpommerns liegt. Natürlich kann man sagen: Besser die Besucher werden dort gebündelt, als dass sie sich überall im Wald und an der Kreideküste verteilen. Das war lange die Idee. Aber wenn die Bündelung selbst solche Größenordnungen erreicht, wird sie zur eigenen Aufgabe.
Den Skywalk selbst sehe ich differenziert. Ich kenne noch den alten Weg zum Königsstuhl. Über die Jahre konnte man beobachten, wie die Erosion den Zugang immer schmaler werden ließ. Die Kreideküste verändert sich ständig. Wege verschwinden, Hänge geraten in Bewegung, Abbrüche gehören zu dieser Landschaft. Insofern verstehe ich durchaus, warum nach einer neuen Lösung gesucht wurde.
Die eigentliche Frage liegt für mich an anderer Stelle. Nicht beim Skywalk, sondern bei der grundsätzlichen Besucherlenkung. Warum müssen jedes Jahr Hunderttausende Menschen bis an diesen Punkt herangeführt werden? Warum liegt das zentrale Besucherzentrum eines Nationalparks mitten im Schutzgebiet und nicht an dessen Rand?
Mittlerweile, Stand 2026, sind durch Corona, den Skywalk und die starke touristische Bewerbung so viele Besucher in das Gebiet geströmt, dass entlang des Hochuferweges zahlreiche Trampelpfade entstanden sind. Immer mehr Menschen suchten den einen besonderen Blick auf die Kreideküste, den Platz für das perfekte Foto oder den Weg abseits der offiziellen Route. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Zäune, Absperrungen und zusätzliche Sicherungen wurden errichtet, um sensible Bereiche zu schützen.
Das ist nachvollziehbar. Und doch verändert es die Landschaft. Nicht die Kreideküste selbst, sondern die Art, wie wir sie erleben. Wer hier seit Jahrzehnten unterwegs ist, erinnert sich an manche Aussicht, die heute nicht mehr erreichbar ist. Der Schutz der Natur verlangt Grenzen. Aber manchmal zahlt auch derjenige einen Preis dafür, der diese Landschaft seit langem kennt und schätzt.
Ich kann mich noch an meine Zeit als FÖJler erinnern. Damals rief regelmäßig die Bundesmarine aus Stralsund an und fragte an, ob sie mit ihren Wehrpflichtigen entlang des Hochuferweges marschieren dürfe. Die Antwort lautete meist: Ja, aber nur auf den offiziellen Wegen und bitte mit Gepäck, aber ohne Sturmgewehr. Daran hielt sich die Marine.
Ich habe diese Geschichte oft im Kopf, wenn heute über Besucherlenkung gesprochen wird. Der Nationalpark war auch damals kein menschenleerer Raum. Menschen wanderten, Schulklassen kamen, Urlauber waren unterwegs, und selbst die Marine nutzte gelegentlich die Wege. Aber es gab klare Regeln, und die Diskussion drehte sich weniger um immer neue Besucherrekorde als um die Frage, wie Menschen die Landschaft erleben können, ohne ihr zu schaden.
Widersprüchlich wird es dort, wo Schutz und Vermarktung gleichzeitig auftreten. Entlang des Hochuferweges werden Zäune und Absperrungen errichtet, weil zu viele Menschen eigene Pfade gesucht haben. Gleichzeitig dürfen große Outdoor- und Eventfirmen mit genau dieser Landschaft werben und organisierte Wanderungen durch den Wald führen. Formal mag das alles auf offiziellen Wegen stattfinden. Aber die Botschaft bleibt schief. Dem einzelnen Besucher wird erklärt, er solle sich zurücknehmen. Der Landschaft selbst aber wird durch große Outdoor- und Eventformate immer neue Aufmerksamkeit zugemutet.
Vielleicht lag der grundsätzliche Fehler schon viel früher. Nicht erst beim Skywalk, nicht erst bei den heutigen Besucherzahlen, sondern bei der Entscheidung, das große Nationalpark-Zentrum direkt am Königsstuhl zu errichten. Der Königsstuhl ist der berühmteste Punkt des Nationalparks, aber gerade deshalb ist er auch der empfindlichste. Wer dort ein großes Besucherzentrum baut, schafft nicht nur Umweltbildung. Er schafft ein Ziel.
Das Gelände am Königsstuhl war vor der Wende keine unberührte Waldlichtung. Dort standen Gebäude der Grenztruppen. Ich weiß noch, wie es dort in den neunziger Jahren aussah, und kenne die alten Fotos. Man hätte also nicht so tun müssen, als beginne an diesem Ort alles bei null. Vielleicht hätte man das Hauptgebäude, das vor dem Krieg einmal Hotel war, erhalten und sanieren können. Im Erdgeschoss eine einfache Gastwirtschaft, organisiert wie auf einer Alm, geöffnet vom Frühjahr bis in den Herbst. Kein großes Erlebniszentrum, keine zusätzliche Attraktion, sondern ein Versorgungsort für Wanderer.
Im Obergeschoss hätten zwei Räume für Umweltbildung Platz finden können, ein Erholungsraum für Rangerinnen und Ranger, vielleicht auch ein oder zwei einfache Arbeits- oder Unterkunftsräume für Forscher, FÖJler oder Praktikanten. Mehr hätte es dort oben vielleicht gar nicht gebraucht. Der Königsstuhl hätte weiter ein Ort bleiben können, an dem man ankommt, schaut, etwas erfährt und wieder geht.
Das große Erzählen über den Nationalpark, seine Wälder, seine Kreide, seine Geschichte und auch über Sassnitz hätte dagegen unten in der Stadt stattfinden können. Dort, wo der Bahnhof ist, der Hafen, die ehemalige Grenzübergangsstelle, die Erinnerung an die Fischerei und die maritime Geschichte. Dort hätte ein Haus entstehen können, das den Nationalpark erklärt, ohne den Besucherstrom zuerst in den Nationalpark hineinzuziehen.
Die Zufahrt zum Königsstuhl hätte man sehr streng regeln können: frei nur für die einfache Gastwirtschaft, für Rangerinnen und Ranger, Forschung, Versorgung und Rettungsdienst. Geparkt worden wäre unten in Sassnitz. Von dort hätten Besucher mit Bus, zu Fuß oder über klare Wanderangebote in den Nationalpark gelangen können. Der Königsstuhl wäre erreichbar geblieben, aber nicht als großer touristischer Endpunkt mit eigener Werbemaschine.
Denn genau das ist heute ein Teil des Problems. Das Nationalpark-Zentrum wird stark beworben. Der Königsstuhl ist nicht mehr nur ein Ort im Nationalpark, sondern ein eigenes Produkt. Natürlich war die Kreideküste auch zu DDR-Zeiten bekannt und beliebt. Es gab viele Urlauber, es wurde gewandert, fotografiert, gestaunt. Aber die Wege im Wald waren in einem deutlich besseren Zustand. Die Masse war eine andere, und vor allem war die touristische Inszenierung eine andere.
Als ich 2001/2002 mein FÖJ im Nationalpark machte, wurde oft mit einer Alternative argumentiert: Entweder entsteht das Nationalpark-Zentrum, oder ein privater Investor baut dort ein Hotel, und am Ende kommt niemand mehr auf den Königsstuhl. Variante A oder Variante B. Über eine Variante C wurde kaum gesprochen. Ein kleinerer, behutsamerer Ort oben am Königsstuhl, das große Besucherzentrum unten in Sassnitz, die Wertschöpfung in der Stadt, der Verkehr aus dem Schutzgebiet herausgehalten.
Dass diese dritte Möglichkeit nicht ernsthaft gedacht wurde, erscheint mir heute symptomatisch für viele Entscheidungen der Nachwendezeit. Es ging oft um Rettung oder Verlust, öffentlich oder privat, jetzt oder nie. Viele Menschen vor Ort wurden damals überrollt: von Investoren, von großen Organisationen, von fertigen Konzepten, die anderswo entwickelt worden waren und nun auf ostdeutsche Landschaften, Städte und Dörfer gelegt wurden. Dabei gab es in den neunziger Jahren auch auf Rügen viele kluge Ideen, viel Ortskenntnis, viel Nachdenken darüber, wie sich diese Insel entwickeln könnte. Aber solche Stimmen kamen selten durch. Zwischenlösungen, lokale Interessen, langfristige Folgen und die Frage, wem ein Ort eigentlich dient, hatten es schwer.
Manchmal frage ich mich, warum Sassnitz nie zum eigentlichen Eingangstor des Nationalparks geworden ist. Die Stadt hatte den Hafen, den Bahnhof, die ehemalige Grenzübergangsstelle und die Geschichte. Hier hätte man über Kreide, Buchenwald, Fischerei, Ostsee und Nationalpark erzählen können. Statt Sassnitz zum Eingangstor des Nationalparks zu machen, wurde das große Erzählen über den Nationalpark ausgerechnet in seine empfindliche Mitte gesetzt. Vielleicht erklärt das auch, warum so viele Besucher den Nationalpark kennenlernen, ohne die Stadt wirklich kennenzulernen.
Wenn ein Titel mehr Besucher bringt, wenn ein Zentrum immer stärker beworben wird und wenn Hunderttausende Menschen Jahr für Jahr in ein kleines Schutzgebiet kommen, dann reicht es nicht, Wege zu sperren und Zäune aufzustellen. Dann braucht es mehr Rangerinnen und Ranger, mehr Präsenz auf den Wegen, mehr Umweltbildung, mehr Gespräche mit den Menschen und ein Gebietsmanagement, das mit der Wirklichkeit Schritt hält.
Acht Rangerinnen und Ranger für einen Nationalpark mit diesem Besucheraufkommen sind nicht viel. Wer an einem Sommertag auf dem Hochuferweg unterwegs ist, bekommt eine Vorstellung davon, welche Aufgabe hier täglich bewältigt werden muss.
Ein UNESCO-Titel darf nicht nur auf Broschüren stehen. Er verpflichtet. Wer mit Weltnaturerbe wirbt, muss auch dafür sorgen, dass dieses Weltnaturerbe im Alltag geschützt werden kann.
Die Fotos in diesem Beitrag sind eine Auswahl aus vielen Jahren im Nationalpark Jasmund: Kreide, Buchenwald, Ostsee, Licht, Nebel, Schnee, Sturm, stille Morgen und Wege, die sich verändert haben. Sie zeigen, warum dieser Ort so viele Menschen anzieht. Und vielleicht auch, warum man vorsichtig mit ihm umgehen muss.
„Sinkend küßt das stille Meer
Die Sonn mit ihrem Strahlenheer
Und wirft den letzten frohen Blick
An Yasmunds Königsstuhl zurück …“
CASPAR DAVID FRIEDRICH | 1826

































