Es gibt Tage im Oktober, an denen das Licht so steht, dass man meint, die Insel zeige sich einem zum letzten Mal, ehe der Winter sie wieder in ihr graues Schweigen zurückholt. So einer war dieser, mit Wolken, die sich türmten, Cumulus-Türme, die das ganze Firmament neu zu ordnen schienen, und einem Blau dazwischen, so tief, dass man hineinfallen konnte, hätte man nur lange genug hinaufgesehen.
Auf dem Weg nach Gummanz noch, im Vorbeifahren fast, taucht Bobbin auf: der spitze, dunkle Kirchturm über den Baumkronen, ein rotes Dach zwischen Laub, das schon an manchen Stellen ins Bräunliche kippt. Man hält kurz an, hebt die Kamera, weiter geht die Fahrt, und die alte Backsteinkirche bleibt zurück, als hätte sie sich, Jahrhunderte lang, ohnehin nur geweigert, sich von den Eichen und Kastanien verschlucken zu lassen.
In Gummanz dann das alte Kreidewerk, roter Backstein mit weißen Fensterbögen, ein Schornstein, der einst Dampf ausstieß und heute nur noch den Himmel durchbricht. Was die Insel jahrhundertelang aus ihrem eigenen Untergrund gehoben hat, erzählt hier das Kreidemuseum – ein Rohstoff, der Rügen ebenso geprägt hat wie das Salzwasser ringsum. Vor dem Tor traben zwei Pferde durchs hohe, gelb gewordene Gras, durcheinander, als hätten sie es eilig, obwohl niemand sie treibt, die Mähnen im Wind wie schwarze Fahnen. Hinter ihnen bricht die alte Kreidewand weiß aus dem Bewuchs, ein Riss in der Zeit, durch den man Jahrmillionen sehen könnte, wollte man nur lange genug hineinsehen.
Der Kreidebruch selbst liegt still, überwachsen, ein Krater, den die Natur sich zurückerobert hat. Gestrüpp krallt sich in die alten Abbauwände, ein Teich spiegelt den Himmel, und die Bäume ringsum haben längst vergessen, dass hier einmal Loren fuhren. Nur ein paar weiße Flecken zwischen dem Grün erinnern noch daran, was diese Erde einmal war, ehe sie Wald wurde.
Von dort steigt man hinauf zum Kleinen Königsstuhl, und mit jedem Schritt weitet sich der Blick, bis er zuletzt keine Grenze mehr zu kennen scheint. Die Felder unten leuchten in einem Grün, das im Herbstlicht fast unwirklich wirkt, dahinter liegt die Bucht, blaugrau, mit einem einzelnen weißen Segel, das sich kaum zu bewegen scheint. Die Granitz zeichnet sich dunkel und dicht am Horizont ab, Stralsund ist nur ein schmaler Streifen mit ein paar Türmen, die man mehr ahnt als sieht, und Hiddensee liegt wie ein hingeworfenes Band im Wasser. Ist die Luft klar genug, erkennt man selbst Kap Arkona, ganz im Norden, wo sich die Insel der offenen Ostsee entgegenstellt. Weit draußen dreht sich ein Windrad, geduldig, als hätte es alle Zeit der Welt.
Zuletzt Quoltitz. Der Opferstein liegt dort seit Urzeiten, grau, unbeirrbar, mit Mulden, in denen man einst, so sagt man, Blut oder Wein den Göttern darbrachte – ein Findling, den die Eiszeit hierher geschoben hat und den Generationen von Inselbewohnern mit Bedeutung aufgeladen haben, jede auf ihre Weise. Alte Bäume stehen um ihn herum, ihre Wurzeln graben sich in den Boden, als wollten sie ihn festhalten, ihn davor bewahren, zu einem bloßen Stein zu werden.
Am Ende bleibt, was an solchen Tagen bleibt: das Gefühl, auf einer Insel zu leben, die mehr Geschichten in sich trägt, als ein einzelnes Leben je erfahren könnte.


















