Anfang Mai. Der Wind weht Tag für Tag mit unverminderter Inbrunst über das Land, als wolle er beweisen, dass ihm die Jahreszeit nichts anhaben kann. Wäre er nicht, sie wären die ersten wirklich warmen Tage des Jahres. Blauer Himmel, roter Backstein, gelbe Felder – zu keiner Zeit im Jahr kommen die tatsächlichen Farben Mecklenburgs seiner Landesflagge näher als in dieser ersten Maihälfte. Doch ehe man hier mit gebranntem Stein baute, dienten die Findlinge, welche die Gletscher einst aus Skandinavien herangeschoben hatten, als bevorzugter Baustoff. Kaum vorzustellen heute, wie viele Großsteingräber einst die Felder, Fluren und Wege Mecklenburgs und Pommerns säumten. Nur wenige sind geblieben, stehen nun als stumme Zeugen einer versunkenen Zeit inmitten großindustrieller Schläge oder liegen, überwuchert und vergessen, am Rand irgendeines Forstes.
Unterwegs zieht das Land in einzelnen Bildern vorbei, mehr Ahnung als Ziel. Ein Bootssteg, der sich zwischen Schilf ins Blaue verliert, ein Dorf am gegenüberliegenden Ufer, kaum mehr als eine Ansammlung roter Dächer um einen Kirchturm, ein einzelnes Gehöft unter altem Baumbestand, das seit Jahrzehnten seinen Platz zu kennen scheint. Die Fahrt selbst wird zur Landschaft, ein Wechsel aus Backstein, Himmel und stillem Wasser, der sich erst später zu konkreten Orten verdichtet.
Unterwegs zieht das Land in einzelnen Bildern vorbei, mehr Ahnung als Ziel. Ein Bootssteg, der sich zwischen Schilf ins Blaue verliert, ein Dorf am gegenüberliegenden Ufer, kaum mehr als eine Ansammlung roter Dächer um einen Kirchturm, ein einzelnes Gehöft unter altem Baumbestand, das seit Jahrzehnten seinen Platz zu kennen scheint. Die Fahrt selbst wird zur Landschaft, ein Wechsel aus Backstein, Himmel und stillem Wasser, der sich erst später zu konkreten Orten verdichtet.
Zwischen frisch gepflügten Äckern stehen die alten Eichen einzeln und knorrig, als hätten sie sich geweigert, mit der Zeit zu gehen. An einem Aussichtsturm mitten in diesem Land komme ich mit einem älteren Ehepaar ins Gespräch, beide einst in Greifswald zum Studium, jetzt im Ruhestand und mit einem Blick auf die Ostsee, der mehr Wehmut als Freude trägt. Die Insel sei nicht mehr das, was sie war, sagen sie, zu voll, zu laut, das ganze Jahr über beansprucht. „Saisonverlängernde Maßnahmen nennt man das ja jetzt bei den Touristikern“, meint der Mann, und in seinem Tonfall liegt die ganze Distanz eines Menschen, der Rügen noch aus einer anderen Zeit kennt. Bei Neu Dobbin steht die Schäferbuche, ein knorriges Naturdenkmal mitten im frisch bestellten Acker, allein und unbeirrt seit Generationen.
Glave empfängt mich mit seinem Gutshaus, einem Fachwerkbau aus dem 18. Jahrhundert, um den sich die Reste eines alten Parks ziehen, als hätte die Zeit hier nur die Bäume weiterwachsen lassen und alles andere ruhen. Weiter nach Dobbin bei Linstow, wo vom einstigen Schloss der niederländischen Königsfamilie nur noch der Park und ein paar mächtige Weymouth-Kiefern zeugen, das Haus selbst längst der Nachkriegszeit zum Opfer gefallen. Das verschuldete Gut wechselte 1936 den Besitzer: Der mecklenburgische Gauleiter Friedrich Hildebrandt ersteigerte es persönlich für den niederländischen Ölmagnaten Henry Deterding, der als einer der wenigen Großindustriellen offen Geld in die NSDAP gesteckt hatte. Was als Landstiftung im Sinne der beiden begann, endete Jahre später in einem zwielichtigen Weiterverkauf – und im Schloss selbst bewachten am Ende SS-Männer einen Generaldirektor, der hier requirierte Autos aus halb Europa parken ließ.
Und schließlich Ulrichshusen, wo mich die „Wüste Kirche“ von Domherrenhagen erwartet: ein Torbogen aus grob behauenem Feldstein, von Efeu und alten Buchen eingefasst, durch dessen offenes Rund die Nachmittagssonne bricht. Im Inneren, wo einst der Altar gestanden haben mag, steht heute nur noch ein schlichtes Kreuz zwischen Moos und losem Gestein. Wände hat sie keine mehr, nur den Bogen und die Erinnerung an einen Grundriss – ein Ort, an dem man länger stehen bleibt, als man vorhatte.
Das Denkmal in Altkalen, dem man die Jahrzehnte in seiner blassgelben Patina ansieht, trägt die Inschrift tief in den Stein gehauen: „Vergiss, mein Volk, die treuen Toten nicht.“ Darunter, durch eine schmale, fast zu knapp bemessene Zeile getrennt, zwei Jahreszahlen, deren Nähe zueinander mehr sagt als jeder Kommentar – 1914 bis 1918, dann, kaum abgesetzt, 1939 bis 1945. Über allem, auf dem Scheitel des Obelisken, hebt ein steinerner Adler die Flügel gegen einen Himmel, der sich an diesem Abend in restlosem, unbewölktem Blau zeigt, so als wollte er dem Monument keinerlei Ablenkung gönnen.
Dargun erreiche ich, als das Licht bereits in jenes tiefe, fast erdige Rot übergegangen ist, das nur die letzte Stunde vor der Dämmerung hervorbringt. Die Schlossruine, ihrer Fenster längst beraubt, zeigt sich als eine Aneinanderreihung dunkler, unregelmäßiger Öffnungen im glühenden Backstein, über dem Portal ein Wappen, das die Witterung so weit geglättet hat, dass es sich nur noch erahnen, nicht mehr lesen lässt. Am Ufer des Sees, der dem Ort seinen Namen leiht, steht das Schilf im Gegenlicht, jeder einzelne Halm gezeichnet, während die Sonne sich zu einem schmalen, zitternden Streifen auf dem Wasser verjüngt, ehe der Wald am gegenüberliegenden Ufer sie endgültig aufnimmt.








































