Unterwegs in Mecklenburg. Da sind die Gutsanlagen und die Fundamente abgetragener Schlösser. Kleine Seen und Flüsse. Eine kleine Kapelle, gebaut nach einer Zeichnung von Friedrich Schinkel. Wo, in der Weite des Ostens, stehen eigentlich keine Bauten von ihm? Da ist ein riesiges grünes Dach, das Schatten spendet und es mit jedem Kirchenschiff aufnehmen kann. Da ist die Erinnerung an Fritz Reuter, den Mecklenburger Schriftsteller. Sie wird überall dort bewahrt, wo er einen Teil seines Lebens verbracht hat. Und da ist diese beeindruckende Eibe, die seinen Namen trägt.
Da sind die Körbe aus Metall. Sofort kommen Erinnerungen an Großeltern und Kartoffelernte. Da ist das Hansa-Rostock-Graffiti. Unvermeidlich. Selbst im entferntesten Winkel des Landes. Da sind Storchennester auf den Dächern und alte Strommasten. Da sind die Bootshäuser an Seen und Flüssen, keines wie das andere. So verschieden wie die Männer, die sich abends in Alt-Kalen ihren Döner zum hart verdienten Feierabend holen.
Da sind die gelben Felder, die bis zum Horizont reichen. Früher lagen darin überall rote Flecken. Heute fehlen sie fast vollständig. Der Mohn ist verschwunden. Die Flächen sind größer und gleichmäßiger geworden. Vielleicht auch ärmer.
Da sind die Alleen. Manche Straßen frisch asphaltiert, oft mit EU-Geld. Andere noch mit altem Kopfsteinpflaster. Grüne Tunnel, die irgendwann aufhören und den Blick auf gelbe oder braune Felder freigeben.
Manchmal reicht dieses Braun bis zum Horizont.
Und irgendwo steht wieder ein Kirchturm darin.
Da ist das alte Schloss, vor Jahrzehnten niedergebrannt und später mit viel Mühe und Liebe wieder aufgebaut. Heute gehört es zu den Spielorten der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern.
Da ist die wüste Kirche.
Warum sie gerade dort gebaut wurde und warum sie irgendwann verlassen wurde, ließe sich nachlesen. Das erklärt aber nicht, was dort mit mir passiert ist. Mir lief ein Schauer vom Kopf bis zu den Füßen. Nicht als Redensart, sondern körperlich. Das kenne ich von wenigen Orten. Man steht dort und merkt, dass einen etwas erreicht, ohne genau sagen zu können, was es ist. Ob man es Energie nennt, Atmosphäre oder etwas anderes, ist eigentlich zweitrangig. An dieser Kirche war es jedenfalls da.
Da sind Misteln in den Bäumen. So viele, dass man irgendwann aufhört zu zählen.
Da sind die alten Gleise, die Mecklenburg früher miteinander verbanden. Später fuhren Draisinen darauf. Auf ihren Schultern ruhte für eine Weile der Traum von einem sanfteren Tourismus. Heute wachsen die Büsche zwischen den Schienen, an manchen Stellen so dicht, dass kaum noch ein Durchkommen ist.
Da sind der bewohnte Wasserturm und die Funktionsbauten aus DDR-Zeiten, die noch immer ihren Dienst tun.
Da ist die Wasserfontäne auf dem Klostersee.
Und da sitzen Männer mit Feierabendbier und Angelruten.
Da sind die wiedervernässten Felder und Wiesen. Früher Moor, später trockengelegt, heute wieder Wasser und Lebensraum für unzählige Vögel.
Da sind die brütenden Schwäne und die kleine Fähre über die Peene.
Und da ist die Ruhe.
Nicht überall und nicht immer. Aber oft genug, dass man sie bemerkt. Vor allem, wenn man aus einer Stadt kommt. Hier funktioniert die Zeit manchmal noch anders. Da sind Schlösser und Strommasten, Schinkel und Hansa Rostock, alte Gleise, Misteln, Störche, gelbe Felder und die Kirchtürme am Horizont. Und irgendwo holen sich ein paar Männer ihren Döner zum Feierabend.
All diese Dinge gehören zusammen, obwohl sie auf den ersten Blick kaum etwas miteinander zu tun haben.
Vielleicht sind es genau solche Fragmente, aus denen Heimat besteht.








































































