Ein nebliger Aprilmorgen in Mecklenburg. Die Sonne kämpft lang an diesem Tag, aber sie ist schon stark. Stärker als im März oder Februar. April eben — die Sonne schon mit Absichten, der Schatten noch mit Vorbehalten. Nur über dem See liegt noch Nebel, und dort, wo die Kirchturmspitze den Himmel berührt, hält sich noch etwas Dunst. Dort, wo die Sonne durchkommt, wird es sofort warm; ein paar Schritte weiter zieht die Kühle wieder an einem hoch. Licht und Schatten liegen so eng beieinander, dass man kaum weiß, was man gerade wahrnimmt — den Ort, oder seinen eigenen Wechsel durch ihn hindurch.
Es ist ein Mittwochvormittag. Autos fahren durch den Ort. Apotheke, Arztbesuche, Physiotherapie, Besorgungen — keine Eile im großstädtischen Sinn, aber Bewegung, Zweck, Wiederholung. Auf dem Marktplatz: der Sternberger Fischer, der Mestliner Bäcker, ein Broiler-Auto, ein Stand mit Lederwaren und nach Chemie riechender Kleidung. Dieser Stand stört. Er gehört nicht hierher, oder er gehört zu einer anderen, beliebigeren Ordnung, die sich einfach hingestellt hat.
Die Tauben gurgeln an der Kirche. Das Gebäude selbst ist schwer, gesetzt, nicht bloß gebaut — es steht da mit jener Selbstverständlichkeit, die alten Kirchen eigen ist, wenn sie längst aufgehört haben, nur religiöse Gebäude zu sein, und Maßstab geworden sind. Die noch kahlen Bäume werfen im Licht der Sonne ihren Schatten auf das Bauwerk.
Das alte Postamt daneben: kleiner zwar, aber ähnlich imposant, weil aus einer Zeit stammend, als die Post und das, was sie und vor allem ihre Mitarbeiter darstellten, noch etwas galt. Beamtentum im besten Sinne. Nach hinten ist es vergittert. Wozu? Postgeheimnis. Geld und Waren. Die Kirche schweigt dazu.
Am Heimatmuseum, das man aufgrund der Straßenschilder leicht übersehen könnte, eine kleine Gasse. An ihrem Ende ein kleines Tor in der Stadtmauer — dahinter der See. Über ihm noch Nebelwolken, als schwebten sie direkt über dem Tor, dabei liegt der See noch etliche Meter entfernt. Während der Himmel über der Stadt schon blau ist. Vor den sanierten Fachwerkhäusern Osterschmuck, freundlich, ordentlich, fast ein wenig brav. Zwei Männer kommen entgegen und vollführen im Gehen gesellschaftspolitische Analysen über Ost und West: dass die Menschen im Westen keine echten Menschen seien und man froh sei, dass der eigene Sohn eine Anstellung in Dresden gefunden hat.
Sie verabschieden sich, und einer nähert sich. Wir wechseln Worte. Ob und was ich arbeiten würde. Fotograf, die Antwort. Also keiner Arbeit nachgehend, die Erwiderung. Er erzählt noch kurz von der Sanierung des kleinen Tors. Er hatte die Aufsicht damals nach der Wende, und es gebe ein kleines Detail, das nicht so sei wie ursprünglich. Welches genau, dürfe er nicht verraten — sonst bekomme er Ärger mit den Sternbergern. Dann verabschiedet er sich Richtung See.
Man geht durch Sternberg und merkt, dass dieser Ort mehr gewesen sein muss als eine einfache Ackerbürgerstadt. 1248 Stadtrecht, später Landtagsstadt, für Heinrich II., Fürst zu Mecklenburg, genannt der Löwe, Lieblingsresidenz; an der Sagsdorfer Brücke wurde 1549 die Reformation in Mecklenburg beschlossen. Das Mittelalter liegt hier also nicht als bloßer Mauerrest herum, sondern zeugt vom Anspruch, von früherer Bedeutung — Ritter, Fürsten, Stände, Kirche, Bürgerschaft, eine alte Ordnung. Eine menschlichere Ordnung? 1492 wurden hier in Sternberg 27 Juden nach dem Vorwurf des Hostienfrevels verbrannt; dies machte Sternberg zu einem Wallfahrtsort. Dann der 3. Mai 1945: kampflose Übergabe, Besatzung durch die Rote Armee, NKWD, Beschlagnahmungen, Flüchtlinge aus dem Osten, aus Pommern und Ostpreußen, verschobene Besitzverhältnisse. Vielleicht sieht man deshalb in Sternberg so viele Schichten gleichzeitig: mittelalterlichen Anspruch, Ackerbürgerstadt, Werkstätten im Stadtkern, Kaufmannshäuser, dann DDR-Grau, Sanierung, Fremdkörper. Nichts ist einfach vergangen. Es liegt nur verschieden tief — unter Putz, Pflaster, von der Baustofflobby und Regierung verordneter Dämmung, die oft mit grellen Farben daherkommt, und Osterschmuck. Daneben Ziegelhäuser, rötlich meist — aber auch ganze Häuser aus hellen Ziegeln, als käme der Stein aus einer anderen Gegend. In Brandenburg fällt das noch mehr auf, in Pommern kaum. Es liegt am Ton, am lokalen Vorkommen, am Brand. Sternberg wirkt nicht aus einem Guss: Backstein, Fachwerk, Putz, Sanierung, Verlegenheit, Erhaltung, Verlust.
Weiter hinten im Ort: dieses weiße Haus. Wo es steht, stand früher etwas anderes — Stall, Mauer, Nachbargrundstück, irgendetwas das zum Ort gehörte. Jetzt: grüner Rasen, glatte Fassade, falsche Höhe. Ein Neubau, der nicht fragt. Es ragt über die Nachbarn hinaus, überhöht sich. Keine Ackerbürger. Keine Menschen, die mit Schatten, Enge, Nachbarschaft, Hof und Stall hätten leben müssen — und die deshalb wussten, was ein Ort von einem verlangt.
Diese Menschen würden es nicht aushalten, im Schatten zu leben. Gottseidank scheinen einige Meter links und rechts noch zum Grundstück zu gehören. So bleibt wenigstens ein wenig Luft um diesen Bau, der selbst keine gibt.
Der Weg führt weiter zur katholischen Kirche: schmucklos, lieblos, kraftlos, wenig einladend. Auch das ein Haus, das nicht fragt — nur stellt sich hier keine Gleichgültigkeit von außen vor, sondern eine von innen. Man fragt sich, wen man damit noch anziehen will. Gegenüber das Büro der katholischen Kirche, immer noch mit grauem DDR-Putz versehen — als stecke selbst die Verwaltung des Glaubens in einer Zwischenzeit fest. Keine Geste des Empfangens. Nur Vorhandensein. Woanders versucht die katholische Kirche zu übertünchen. Sie borgt sich Symbole, die ihr nicht gehören, klebt Farbe auf Risse, nennt es Erneuerung. Als könnte man ersetzen, was verloren ging, mit dem, was gerade gilt. Aber der Grund ist weg. Was diese Gebäude einmal füllte — Glaube, Angst, Gemeinschaft, die Gewissheit einer Ordnung über den Dingen —, das lässt sich nicht streichen und neu auflegen. Kein Wunder also, dass sich die Menschen abgewandt haben.
Auf dem Friedhof großes Reinemachen. Wege werden geharkt, Gräber gepflegt, der Frühling schafft Ordnung. Zwischen neueren Gräbern noch einige alte — viele Steine sind längst verschwunden, ausgeliehen, umgelegt, verloren. Auf den verbliebenen sind die Berufe der Verstorbenen genannt. Dachdecker besonders, immer wieder Dachdecker. Eine Handwerkerstadt also, oder ein Ort, in dem Arbeit so sehr zur Person gehörte, dass sie mit auf den Stein kam. Nicht nur Name, Geburt und Tod. Einer war Dachdecker, Maurer, Stellmacher, Bäcker, oder eben Lehrer. Das stand dann da, gemeißelt, für die Ordnung in der Stadt — selbst nach dem Tode. Und dann dieser eine Stein: Neustettin. Pommern. Vertrieben. Heimatverlust. Hier begraben.
Dann die alte Wassermühle. Feuchte Mauern, Wasser, Stein — ein Ort, an dem Arbeit einmal Geräusch gewesen sein muss. An diesem Vormittag steht dort eine Frau im Wasser und fischt mit den Händen darin. Nicht mit einer Angel oder einem Käscher. Mit den Händen. Wonach, weiß ich nicht. Neben ihr ein Garten, der zu blühen beginnt.
Über die Brücke. Gassen, einige Geschäfte, die sich halten. Eine Drogerie, ein Modegeschäft für Frauen. Früher soll es viele Geschäfte gegeben haben — man kann es sich vorstellen: Ladentüren, Schaufenster, kurze Wege, ein Ort, der sich selbst versorgte, der nicht wegfahren musste um das Notwendige zu besorgen. Edeka und Netto gibt es noch, aber beide draußen, jenseits der alten Stadtmauern.
Die Versorgung hat die Stadt nicht verlassen — sie hat sich nur abgewandt. In Schweden liegt der ICA noch mitten im Ort. In Polen baut Dino seine Märkte bewusst klein und nah — in Kleinstädte, in Dörfer, dorthin wo andere nicht mehr hinwollen. Und in den Erdgeschossen der Wohnhäuser: kleine Läden, geführt von jemandem der darüber wohnt. Was dort noch selbstverständlich ist, gilt hier als überholt. Niemand hat entschieden, dass es so kommen soll. Es kam so. Entscheidung nach Entscheidung, keine davon groß genug um aufzufallen, alle zusammen groß genug um eine Stadt auszuhöhlen.
Sichtbar wird das auch an den Ruinen. Städte altern nicht gleichmäßig; sie geben an bestimmten Stellen nach. Dort, wo etwas nicht mehr gebraucht wird, wo Geld fehlt, wo Erben fehlen, wo der Sinn verloren ging. In einer alten Stadt lebten Tier und Mensch zusammen, jeder Winkel bebaut, genutzt, geteilt; Höfe, Ställe, Werkstätten, Speicher, enge Grundstücke, Schattenseiten. Ackerbürger: Stadt und Land keine getrennten Welten, Tiere, Geräte, Ernten, Vorräte, Nachbarn, alles dicht beieinander. Manche Häuser liegen wohl den ganzen Tag im Schatten. Die Sonne erreicht die Nordfassade nie, im Winter kaum die Schwelle. Man wohnte im Kühlen, im Feuchten, im Halbdunkeln — die kleinen Fenster ließen wenig durch, Glas war teuer, Kienspan und Öllämpchen das einzige Licht bis tief in die Nacht. Feuer war nicht Komfort, sondern Notwendigkeit, Mitte, fast Sakrament. Wer täglich zwischen Schatten und dem plötzlichen Licht an den Kreuzungen wechselte, wusste, was es bedeutet wenn die Sonne auf den Stein fällt. Licht war kein Recht. Es war ein Ereignis. Und weil es knapp war, war es kostbar — wie Wärme, wie Stille, wie der freie Sonntag. Was das mit Menschen macht, mit ihrer Geduld, ihrer Genügsamkeit, ihrer Fähigkeit Enge und Dunkel auszuhalten, darüber schweigt der Ort. Aber die Häuser stehen noch. Und die Nordfassaden auch.
Von dort weiter nach Ruchow. Der Nebel über dem See hatte sich gelichtet. Die Sonne warf lange, schmale Schatten — wie die Gassen selbst. Sternberg lag hinter einem. Der Mann am Tor hatte recht: es gibt ein Detail, das nicht so ist wie ursprünglich. Welches genau, weiß man nicht. Aber man ahnt, dass es nicht nur das Tor betrifft.



























































Keine Kommentare